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Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren

Das Wetter vor 15 Jahren von Wolf Haas

Die Idee ist originell: Ein Autor (Wolf Haas) wird von einer (deutschen) Literaturkritikerin zu seinem neuen Buch interviewt. Aus Fragen und Antworten ergibt sich die Geschichte über den 30-jährigen Vittorio Kowalski aus dem Ruhrgebiet, der seine Jugendliebe nicht vergessen kann.

Die Anni aus dem österreichischen Fernach, Tochter des Chefs der lokalen Bergrettung, hat’s ihm angetan; vor 15 Jahren während des alljährlichen Familienurlaubs der Kowalskis. Und seitdem merkt sich Vittorio das tägliche Wetter des Touristennests. Diese Passion führt ihn über einen TV-Auftritt bei „Wetten, dass…“ zu einem dramatischen Wiedersehen mit Anni.

Literaturbeilage Herr Haas, ich habe lange hin und her überlegt, wo ich anfangen soll.

Wolf Haas Ja, ich auch.“

„Das Wetter vor 15 Jahren“ ist keine Erzählung oder Roman im herkömmlichen Sinn. Es ist ein Dialog zwischen einem Autor und einer Journalistin, kurz und prägnant als „Literaturbeilage“ tituliert. Der Autor ist Wolf Haas und hat eben dieses Buch vollendet. Nun wird er zu diesem Buch, der Handlung, den Charakteren usw. interviewt. Und so bekommt der Leser nicht nur eine Liebesgeschichte präsentiert sondern zugleich erfährt er mehr über den vielschichtigen Entstehungsprozess eines Buches. Im Hintergrund laufen amüsante Hackeleien zwischen Autor und Kritiker, Österreicher und Deutschen, Mann und Frau.

Literaturbeilage: Ich frage mich nur, wie sehr Sie hier die phallischen Symbolik der Luftmatratze –

Wolf Haas Wie bitte?

Literaturbeilage Das drängt sich doch auf. Die Luftmatratze, die darunter leidet, dass sie sich nicht in ihrer ganzen Größe ausbreiten darf, weil sie hinter dem Muttersitz eingeklemmt ist.

Wolf Haas Für mich sind Luftmatratzen einfach irgendwie geile Geräte.

Literaturbeilage Na ja, das ist jetzt nicht gerade das stärkste Gegenargument.

Wolf Haas Nein, ich meine doch. Ich meine doch, Luftmatratzen sind irgendwie sinnliche Zeugen einer Zeit oder eines Milieus, ohne dass man gleich in diese totale Damals-gab’s-noch-Afri-Cola-Sentimentalität verfällt. Auch weil sie sich vom Material her so interessant entwickelt haben im Lauf der Zeit. Von den richtigen Gummiluftmatratzen zu diesen immer dünneren, durchsichtigen Hightech-Häuten. Und in allererster Linie fand ich einfach, dass man da wirklich spürt, wie sehr das Kind bei der Anfahrt leidet. Dieses Zusammengepferchtsein, dieser betäubender Gestank. Dann lag beim Käfer auch noch der Tank vorne, da hat’s die Bezindämpfe hereingetragen, das hat sich alles beim Kind hinten gestaut. Wie Gewitterwolken, die am Berg hängen bleiben, hat sich das alles von der Heckscheibe zusammengebraut.“

Mal ist das Gespräch theoretisch, mal emotional und zum Teil auch ein bisschen absurd, stellenweise witzig und gegen Ende zäh wie Strudlteig. Gerade wenn es zum Showdown kommt – Vittorio reist nach Fernach, Anni ist gerade dabei den Gegenspieler zu heiraten, ein Unfall passiert, jemand stirbt, usw – gerade dann, wenn’s spannend werden sollte, wird die Handlung, ja ganze Sätze, über Seiten hin ins undendlich Unspannende zerpflückt, zerredet und analysiert – absolut ein bisschen too much – also red ma doch lieber über die Frau Bachl!

[ssba]
14. Mai 2008

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