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Stieg Larsson: Verblendung

Wie schnell können 687 Seiten vorüber gehen? Wenn’s um einen Thriller aus Schweden geht, sehr schnell, denn der bleibt in den Händen kleben, bis die letzte Seite umgeblättert ist. Der Autor Stieg Larsson ist leider schon verstorben, hat uns aber die „Millennium-Trilogie“ (drei von zehn geplanten Büchern) hinterlassen: „Verblendung“ ist der erste Teil, nach ihm folgen „Verdammnis“ und „Vergebung“.

Der Wirtschaftsjournlist Mikael Blomkvist bekommt von einem alten (und reichen) Mann einen seltsamen Auftrag: Er soll die Familien-Chronik verfassen und damit zusammenhängend herausfinden, was der verschwundenen Lieblingsnichte vor 40 Jahren zugestossen ist. Klingt nicht gerade originell, ist es aber mords-aufregend…

Blomkvist kommt der Auftrag zwar sehr merkwürdig aber nicht unpassend daher. Gerade ist er vor Gericht schuldig gesprochen worden: In dem Wirtschaftsmagazin „Millenium“, dessen Mit-Herausgeber der Journalist ist, hat er unhaltbare Anschuldigungen an einem Wirtschaftmagnat veröffentlicht. Da kommt ihm die Verpflichtung sich für ein Jahr in die insulare Einsiedelei der Familie Vanger zu begeben, gerade recht. Er bezieht also in Schnee und Eis ein Gartenhäuschen nebst seinem Auftraggeber Hendrik Vanger und beginnt sich durch die gesammelten Aufzeichnungen durchzuwühlen.

Blomkvist engagiert als Hilfe Lisbeth Salander, eine dürre, tätowierte und eigenwillige junge Schnüfflerin mit begnadeten Hacker-Händchen und mit einer Vergangenheit, auf die Gott-sei-Dank nicht näher eingegangen wird. So viel steht fest: Vom Staat Schweden als verrückt erklärt, ist ihr ein Vormund in Form eines Rechtsanwalts zugeteilt, den sie – nach zwei recht deftigen Annäherungen – ordentlich auseinander nimmt. Lisbeth beginnt sich für den Fall der verschwundenen Harriet Vanger zu interessieren und gemeinsam mit Blomkvist wühlt sie in familiären Abgründen, in denen Nationalsozialismus, Sadismus und Inzest für Schock-Effekte sorgen.

„Du bekommst ein Geschenk von mir, damit du dich immer an unsere Vereinbarung erinnerst.“

Sie lächelte schief, kletterte plötzlich aufs Bett und kniete sich zwischen seine Beine. Bjurman begriff nicht, was sie meinte, aber er hatte auf einmal Angst.

Dann sah er die Nadel in ihrer Hand.

Er warf den Kopf hin und her und versuchte sich loszuwinden, bis sie ihm warnend ein Knie gegen den Schritt drückte.

„Still liegen bleiben. Ich benutze diese Geräte zu ersten Mal.“

Sie arbeitete zwei Stunden konzentriert. Als sie fertig war, hatte er aufgehört zu wimmern. Er schien sich in einem fast schon apathischen Zustand zu befinden.

Nachdem sie vom Bett gestiegen war, legte sie den Kopf schräg und betrachtete ihr Werk mit kritischem Blick. Ihr künstlerisches Talent war begrenzt. Die Buchstaben waren verwackelt, das Ganze wirkte irgendwie impressionistisch. Sie hatte rote und blaue Farbe für die Botschaft verwendet, die sie in fünf Reihen Großbuchstaben über seinen ganzen Bauch tätowiert hatte, von den Brustwarzen bis kurz über sein Geschlechtsorgan:

ICH BIN EIN SADISTISCHES SCHWEIN,

EIN WIDERLING

UND EIN VERGEWALTIGER

Sie sammelte die Nadeln wieder ein und steckte die Farbpatronen in ihren Rucksack. Danach ging sie ins Badezimmer und wusch sich die Hände. Sie bemerkte, dass es ihr wesentlich besser ging, als sie wieder ins Schlafzimmer kam.

„Gute Nacht“, sagte sie.

Der Roman hat zwar nicht die mega-originelle Geschichte parat und beim ersten Fünftel des Romans ist eher Geduld als Spannung angesagt. Die Vielschichtigkeit der Geschichte und das Zusammenspiel der Charaktere überzeugen dennoch. Es ist vor allem die hart gesottene Lisbeth, die essentiell zum spannenden Plot, der locker mit einem Thriller von Jeffery Deaver mithalten kann, beiträgt.

Für seinen Debütroman wurde Larsson im Jahre 2006 postum mit dem Skandinavischen Krimipreis ausgezeichnet.

Rezension: NR. 155
[ssba]
9. November 2009

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