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Albert Sánchez Pinol: Im Rausch der Stille

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Eine einsame Insel am Ende der Welt, ein Leuchtturm mit einem dubiosen Wärter, ein irischer Widerstandskämpfer und eine Menge fischiger Kreaturen – klingt nach Horror, Psycho und Albtraum. „Im Rausch der Stille“ (Original: „La pell freda“, also eigentlich „Die kalte Haut“) ist der Debütroman des katalanische Autors Albert Sánchez Pinol. Ein Ire hat genug von der politischen Verlogenheit seiner Heimat und flüchtet als Wetterbeobachter auf eine einsame Insel nahe dem Polarkreis. Doch so einsam ist diese Insel nicht: in einem Leuchtturm wohnt ein seltsamer, heruntergekommener Wärter (ein Österreicher) und bereits am ersten Abend begegnet der Meteorologe noch weiteren Inselbewohnern:

„Im unteren Teil der Tür war eine Arte Katzentürchen. Ein rundes Loch, über dem eine kleine, bewegliche Klappe saß. Ein Arm kam dort herein. Ein ganzer Arm, nackt und sehr lang. Mit zuckenden Bewegungen suchte er irgendetwas im Inneren. Vielleicht das Schloss? Es war kein menschlicher Arm. Wenn die Petroleumlampe und das Feuer mir auch kein helles Licht boten, waren am Ellenbogen doch drei Knochen zu erkennen, viel kleiner und spitzer als menschliche. Kein Gramm Fett, reine Muskeln, Haifischhaut. Aber das Schlimmste war die Hand. Die Finger waren durch eine Schwimmhaut verbunden, die fast bis zu den Nägeln reichte.

Meine Fassungslosigkeit folgte eine Woge der Panik. Ich schrie vor Schreck und sprang gleichzeitig vom Stuhl auf. Eine Vielzahl von Stimmen antwortete mir, als sie mich hörten. Überall waren sie. Sie umzingelten das Haus und schrieen in unbekannten Tönen, einer Mischung aus Nilpferdgebrüll und Hyänengeschrei. Ich hatte solche Angst, dass ich mein eigenes Entsetzen kaum glauben konnte. Ich schaute zu einem anderen Fenster hinaus, ohne einen Gedanken fassen zu können.“

Von nun an begegnen dem Meteorologen Nacht für Nacht diese Froschwesen aus dem Meer, die nichts anderes im Sinn haben, als den Eindringling kalt zu machen. Dem Ich-Erzähler bleibt nichts anderes übrig, als sich mit dem seltsamen, verwahrlosten Leuchtturmwärter, zusammen zu tun.

Im Grossen und Ganzen war`s das auch schon. Ab da erzählt der Roman von den nächtlichen Kämpfen mit den fischigen Kreaturen und von den verschiedenen Strategien des irisch-österreichischen Gespanns, den Monstern Herr zu werden: Vom Erschießen, in die Luft sprengen bis hin zum Versuch mit den Froschwesen zu kommunizieren. Es geht ums nackte Überleben und wie man mit Einsamkeit fertig wird. Wen wundert’s, dass man in dieser Situation seltsam wird und schlussendlich nicht mehr weiß, wer man eigentlich selbst ist.

Für fantasievolle Leser bietet der Roman genügend Stoff für vielschichtige Interpretationen. Man kann die Geschichte „als eine Allegorie auf die niederen Instinkte„, als insulares Kammerspiel oder als „als Parabel einer kolonialismuskritischen Theorie“ auffassen. Für mich reduziert sich „Im Rausch der Stille“ auf eine glitschige, weder-Fisch-noch-Fleisch-Angelegenheit mit einem irreführenden (deutschen) Titel: Für einen Horror- oder Psycho-Thriller hat die Erzählung eindeutig zuwenig Grusel-Faktor, für einen sozialkritischen, humanistisch angehauchten Roman, sind irreale Monster wirkungslose und unnötige Bedeutungsträger. Im einem fantastischen Umfeld voll mit gewalttätigen Amphibien verlieren bedeutungsschwangere Sätze wie „Wir ähneln denen, wie wir hassen, mehr als wir denken“ halt schnell an Tiefsinn.

 

Rezension: NR. 86
24. Februar 2008

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