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Gordon Dahlquist: Das Dunkelbuch

dunkelbuch

Dieser Roman ist die Fortsetzung von „Die Glasbücher der Traumfresser“: Miss Temple, Kardinal Chang und Doktor Svenson sind am Luftschiff den dunklen Machenschaften der Contessa in allerletzter Sekunde entkommen. In einer verrotteten Fischerhütte kommt Miss Temple erst nach Tagen und nach heftigen Fieberanfällen zu sich. An ihrem Bett wacht die Hauslehrerin Eloise Dujong. Ihre Gefährten allerdings haben die Fischerhütte bereits verlassen. Und auch Miss Temple muss – noch wackelig auf den Beinen – fliehen, denn die tot geglaubte Widersacherin, Contessa di Lacquer-Sforza, ist ihr und den anderen dicht auf den Fersen. Auf ihrer Flucht stoßen die drei tapferen Protagonisten nicht nur auf eine Serie grausamer Morde, sie finden auch immer wieder das unheilvolle, erinnerungsfressende blaue Glas. Dahlquist bleibt auch beim zweiten Band seiner bewährten Stilrichtung treu: Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven der drei Helden erzählt. Die Geschichte spielt weiterhin in einem viktorianischen Setting, in dem geschnürte Stiefel und wadenlange Mäntel ihre Rollen spielen. Werden im ersten Teil die Charaktere immer nur auf kurze Zeit voneinander getrennt, müssen sie in diesem Teil ihre Abenteuer allen erleben. Erst gegen Ende, wenn der Höhepunkt des Buches stattfindet, finden sie wieder zueinander.

Svenson stürzte sich auf den ersten halbwegs klaren Gedanken, der ihm in den Sinn kam. „sie … ja, Sie haben das Glas erwähnt, im Traum – den Splitter. Können Sie sich an das erinnern, was Sie gesehen haben?“
„Ja“, sagte sie knapp und mühte sich in eine sitzenden Haltung. „Obwohl ich nicht wüsste, wie uns das helfen soll.“
„Warum?“
„Weil es zerbrochen war. Die Gedanken darin, die Erinnerungen… der Inhalt des Glases war zerflossen. Wie Tinte, die auf feuchtem Papier zerläuft, aber in meinem Bewusstsein – ich kann es nicht beschreiben…“
„Es war ein sehr kleines Stück…“
Eloise schüttelte den Kopf. „Die Größe spielt keine Rolle. Es war keine Logik darin – als wären es fünf verschieden Erinnerungen oder fünf Gedächtnisse, die sich überlagerten wie Papierschablonen vor einem Fenster.“
„Gab es irgendein Detail, von dem man auf die Quelle schließen könnte?“
Wieder schüttelte sie den Kopf. „Es war zu widersprüchlich – alles geschah an einem Ort, aber es war nicht derselbe Ort … und die ganze Zeit… was ich vergessen habe, Musik…“ Ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern. „Es bedeutet nichts, obwohl ich sicher bin, dass die Erinnerungen selbst wahr sind. Jede einzelne flimmerte… überlappte sich mit den anderen.“
Und keines der einzelnen… Fragmente schien etwas zu bedeuten?“
„Ich glaube nicht“, sagte sie. „Und jetzt… wenn ich es versuche, kann ich mich kaum an etwas erinnern…“
„Doch , doch es ist bestimmt hilfreich“, sagte Svenson und nickte nicht sehr überzeugt. „Eine Wunde mit blauem Glas darin – denn beim Kontakt mit Blut ensteht noch mehr Glas – erfordert den unmittelbaren Kontakt zwischen dem Glas und dem Opfer, verstehen Sie? Das Blut gerinnt am Originalglas und kristallisiert selbst… die Haut verfestigt sich. Doch woraus besteht dieses neu entstandene Glas? Da es im Körper – aus dem Körper – entsteht -, beinhaltet es die eigenen Erinnerungen? Worin unterscheidet sich dieses so entstandene Glas von dem , das der Comte geschmolzen hat?“

Es scheint, als wollte Dahlquist den Leser im zweiten Teil noch mehr Spannung und Fantasy-Thrill kredenzen. Doch irgendwie geht der Schuss nach hinten los: Konnte man „Die Glasbücher der Traumfresser“ nur ausgeschlafen und konzentriert lesen, nützt dies beim „Dunkelbuch“ auch nichts mehr. Dahlquist erzählt sich selbst in einen Strudel aus irrwitzigen Situationen, verwirrenden Handlungssträngen und einer Vielzahl an Charakteren. Es fällt schwer, einem roten Faden folgen zu wollen. Vielleicht war er auch so gut versteckt, dass ich ihn nicht entdecken konnte. Und obwohl der Autor auf der ersten Seite ausdrücklich darauf hinweist, dass „Das Dunkelbuch“ ein eigenständiges Werk sei, muss man doch das Vorgängerbuch gelesen haben. Leider kann Dahlquist die im ersten Teil gelegte Messlatte nicht weiter halten. Vielleicht schafft er es ja im dritten Teil.

Rezension: NR. 263
20. Januar 2012

Deine Meinung über dieses Buch:

1 comment
  • Streetreader sagt:

    Schade, ich hatte mich schon auf ein viktorianisch angehauchtes Buch gefreut. Es macht mich auch total wahnsinnig, dass ich vor etwa anderthalb Jahren ein modernes Buch gelesen habe, dass sehr authentisch im viktorianischen Stil geschrieben war, wirklich gut, und dazu gab es noch ein wunderschönes weiß- und schwarzgemustertes Cover. Aber jetzt weiß ich absolut nicht mehr, wie der Titel hieß, noch wer es geschrieben hat (ich bilde mir ja ein, dass es Robert Harris war, aber das scheint nicht zu stimmen …). Wenn also jetzt jemand ein bestimmtes Buch wiedererkennen sollte, so melde er sich bitte streetread.wordpress.com

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