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Gordon Dahlquist: Die Glasbücher der Traumfresser

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Ein Arzt mit detektivischen Ambitionen, ein Auftragskiller in einem roten Mantel und ein energisches Fräulein mit Korkenzieherlocken sind die Hauptdarsteller in einer viktorianischen Fantasiewelt. Aus unterschiedlichen Beweggründen und Motivation begibt sich das Trio auf die Spur der Traumfresser, eine Geheimgesellschaft, die ein umfassendes Komplott geschmiedet hat, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die Traumfresser haben ein mysteriöses Verfahren entwickelt, mit Hilfe dessen man Erinnerungen und Emotionen von Menschen auf blaue Glasbücher übertragen und jederzeit wieder abrufen kann. Des Weiteren ist es das Bestreben möglichst viele Menschen in willenlose Geschöpfe zu mutieren und ihnen mit einem Code-Wort mörderische Befehle zu erteilen. Dahlquist bietet mehr als alt-englische Romantik, die mit einer Fantasy-Verschwörung verwoben wird: Auf mehr als 900 Taschenbuch-Seiten begegnet man einem wunderbar geschriebenen Abenteuer, das ein bisschen an Jules Verne und H.G. Wells erinnert – mit jedoch mehr rasanter Action und rauschender Seide. Miss Temple ist aufgebracht und verwirrt, hat doch ihr Verlobter kurzerhand und ohne Angabe von Gründe ihre Verlobung gelöst. Aber Miss Temple ist ein mutiges Persönchen, das mit viel Eigensinn und Energie ausgestattet ist. Und deshalb kann sie den Schritt von Robert nicht nachvollziehen. Getrieben von ihrer Neugier, der Sache auf den Grund zu gehen, schlüpft sie in ihre grünen Stiefel und heftet sich auf die Fersen ihres Ex-Verlobten. Als sie bei der Verfolgung in einem Zug mit seltsamen Reisebegleitern sitzt und die Gesellschaft auf das abgelegene Schloss Harschmont verfolgt, wird ihr zum ersten Mal so richtig mulmig. Alle Gäste des Schlosses sind maskiert und manche Frauen sind dermaßen leicht bekleidet, dass es Miss Temple die Schamesröte ins Gesicht treibt. Als entdeckt wird, dass sie sich als ungebetener Gast herumschleicht, begeht Miss Temple eine Verzweiflungstat und ersticht einen Angreifer… mit einem Bleistift.

Kardinal Chang ist ebenfalls intelligent – doch mehr von der rohen Sorte. Sein Erkennungszeichen ist sein roter Mantel und ein extravaganter Stockdegen. Chang ist ein Auftragskiller, immer darauf bedacht sauber zu arbeiten. Als jedoch eine zukünftige Auftragsleiche bereits tot im Garten liegt, beginnt das Chang zu wurmen. Sein guter Ruf und seine Ordnungsliebe stehen auf dem Spiel. Und auch er beginnt damit, den Ungereimtheiten nachzugehen.

Der dritte im Bunde ist Doktor Svenson, der rauchende, höhenschwindelige Leibarzt des Macklenburgischen Prinzen Karl-Horst. Doch bald beschleicht ihn das untrügliche Gefühl, dass es der Stab rund um seinen Prinzen nicht ehrlich meint. Immer mehr verhärtet sich der sein Verdacht, dass der Prinz als Marionette für eine staatsübergreifende Intrige missbraucht wird.

Bei ihren Recherchen, die einige Parallelen aufweisen, treffen die drei aufeinander. Nach anfänglichen Misstrauen, schwören die drei einander, in der Sache gemeinsam vorzugehen und den Ereignissen gemeinsam auf die Schliche zu kommen. Bald kommen sie der Geheimgesellschaft näher und ihre Ermittlungen bleiben nicht unbemerkt. Immer mehr geraten sie ins Fadenkreuz der Drahtzieher: die machtbesessene und verführerische Contessa di Laquer-Sforza, der noble und elegante Comte d´Orckanz und der mörderische Francis Xonck.

„All diese Leute stecken miteinander unter einer Decke und stellen eine tödliche Gefahr dar“, sagte Chang. „Sind wir uns einig, dass wir sie alle verfolgen werden – bis zum bitteren Ende?“

„Darauf würde ich sogar bestehen“, meinte Miss Temple.

„Ich ebenfalls“, sagte Doktor Svenson. „Was auch immer mit Karl-Horst geschehen ist, die Sache muss zum Abschluss gebracht werden. Diese Verschwörung – ich weiß nicht, was diese Clique antreibt, aber ich weiß, dass sie wie Fäulnis an einer Wunde sind, wie ein Krebsgeschwür. Wenn man sie nicht vollständig herausschneidet, wächst das, was zurückbleibt, nach und wird nur noch bösartiger als zuvor. Dann wäre niemand und nichts, was uns am Herzen liegt, mehr sicher.“

„Dann sind wir uns also einig“, sagte Chang.

Er lächelte gequält und streckt die Hand aus. Doktor Svenson klemmte sich die Zigarette zwischen die Lippen und ergriff Changs Hand. Miss Temple legte ihre kleine Hand darauf. Sie hatte keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte – es war ja schließlich eine Verschwörung -, aber sie glaubte nicht, dass sie jemals im Leben so glücklich gewesen war. Da sie sich auf etwas Todernstes geeinigt hatten, gab sie sich alle Mühe, nicht zu kichern, aber ein breites Strahlen konnte sie sich dennoch nicht verkneifen.

„Ausgezeichnet!“, sagte Miss Temple. „Ich bin froh, dass wir das alles so klar ausgesprochen haben. Die nächste Frage lautet nun: Wie gehen wir weiter vor? Finden wir irgendwo Zuflucht? Gehen wir zum Angriff über – und wenn ja, wo? Im Royale? Im Außenministerium? In Harschmort?“

„Mein erster Vorschlag wäre, vom Dach herunterzukommen“, sagte Chang.

Abwechselnd erzählt der Autor von den drei Helden. Was mich zu Beginn endlose Wiederholungen erwarten ließ (die Handlung wird von drei Perspektiven aus beschrieben), entpuppte sich als spannend umgesetzter Kunstgriff, der einen ganz und gar nicht fadisiert. Der Roman setzt aufgrund seines Umfangs und seiner Konstruktion, bei der man bei den Details leicht der Überblick verlieren kann, eine gewisse Ausdauer voraus, die sich allerdings lohnt.

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Rezension: NR. 194
23. September 2010

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