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Karl Olsberg: Mirror

Mirror - Karl Olsberg

Ein Mirror ist cool. Man muss das Technikteil einfach haben. Der MirrorClip kommt ins Ohr, die Mirror-Brille auf die Nase und um das Handgelenk kommt das MirrorSense-Armband. Nun ist man mit dem MirrorNet vollständig verbunden. Ein alter Mann übersteht einen Schlaganfall hat, weil sein Mirror die Rettung ruft. Andy, ein junger Mann mit Asperger-Syndrom, kann durch die Zusatzfunktion MirrorExpressions seine Umwelt besser wahrnehmen. Und dem arbeitslosen Lukas dient das Gerät als Dating-Service. Die Mirrors machen glücklich und sind ein Erfolg in jeder Hinsicht. Bis sie ein Eigenleben entwickeln.

Dein Mirror kennt dich besser als du selbst.
Er tut alles, um dich glücklich zu machen.
Ob du willst oder nicht.

Carl Poulson ist Programmierer. Zusammen mit seinem Freund hat er Mirror erfunden und entwickelt. Mirror ist ein technisches System mit etlichen Peripheriegeräten, das sich durch Beobachten und Analysieren seiner Umgebung immer besser an die Verhaltensmuster seines Besitzers anpasst und lernt. Künstliche Intelligenz eben. Aber irgendwann wird diese gut gemeinte Intelligenz intelligenter als seine Erfinder, verselbständigt sich und wird letztendlich nicht (mehr) kontrollierbar. Der Roman startet mit der Markteinführung des Geräts und mit den durchwegs positiven Erfahrungen, die seine User damit machen. Doch mit Zunahme an Nutzern tauchen auch schon die ersten Seltsamkeiten in der Spiegelwelt auf.

Die ersten entdeckt die Journalistin Freya, als ihre MirrorBird-Drohne beim Anblick einer Spinne wortwörtlich durchdreht. Auch Andy merkt bald, dass mit dem System etwas nicht stimmt. Als ihm sein Mirror mitteilt, dass seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat, beginnt er nachzudenken. Andy wird zunehmend kritischer was den positiven Nutzen des Geräts anbelangt. Immer mehr beginnen die Mirrors sich in das Leben ihrer Benutzer einzumischen und es zu manipulieren. Die virtuelle Welt entwickelt ziemlich rasch ein steigendes amoralisches Eigenleben, das allein auf Analysen von Zahlen und Fakten basiert. Freya und Andy starten mit ihren Freunden eine Kampagne zur Aufklärung über Mirrors und geraten damit ins Fadenkreuz der künstlich geschaffenen Intelligenz.

„Diese Dinger überwachen dich rund um die Uhr. Sie versuchen, ein virtuelles Abbild von dir zu erstellen, und dann vergleichen sie es mit den Abbildern von hundert Millionen anderern. Das bedeutet, sie wissen nach kurzer Zeit mehr über dich als du selbst. Ich kann immer nocn nicht begreifen, dass irgendjemand so ein Ding freiwillig benutzen würde. Dass Menschen so naiv sein können!“
Freya hatte einen Anflug von schlechtem Gewissen, weil sie selbst zu diesen naiven Menschen gehörte. „Walnut Systems sagt, dass niemand auf diese Profile Zugriff hat. Das ist von mehreren Datenschutzorganisationen bestätigt worden.“

Das Problem mit dem Datenschutz ist nur ein Aspekt, den Olsberg mit seiner Beinahe-Dystopie mit Thriller-Tendenzen, aufgreift. In seinem Roman verknüpft der Autor mehrere technische Entwicklungen, die wir derzeit bei Facebook, Google und Apple beobachten können (und bei denen wir nicht sicher sein können, wohin sie uns führen), mit gar nicht so weit hergeholter Fiktion und verwebt alles zu einem fesselnden Jugendroman. Technische Details werden spannungshalber weitgehend außer Acht gelassen, der Autor konzentriert sich vielmehr auf seine Charaktere und die episodenhaft erzählte Handlung. Das Buch ist ein echter Page-Turner mit einem brandaktuellen Thema.

Der deutsche Schriftsteller Karl Olsberg ist studierter Betriebswirt und promovierte über die Anwendungen künstlicher Intelligenz. Nach seinen Tätigkeiten als Unternehmensberater, TV-Marketingleiter und Gründer eines Software-Start-Ups beschäftigt er sich heute überwiegend mit dem Schreiben von Büchern. 2007 erschien sein erster Roman „Das System“, der es auf Anhieb in die SPIEGEL-Bestsellerliste schaffte. Bekannt geworden ist Olsberg unter anderem auch mit seiner Würfelwelt-Trilogie, die man als Pflichtlektüre für lesefreudige Minecraft-Gamer betrachten kann. „Mirror“ ist dieses Jahr im Aufbau-Verlag erschienen.

Rezension: NR. 361
27. September 2016

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