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Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher

Das Labyrinth der Träumenden Bücher - Walter Moers

200 Jahre später: Hildegunst von Mythenmetz ist zum berühmtesten aller zamonischen Schriftsteller geworden. Zurückgezogen lebt er nun auf der Lindwurmfeste, im Haus seines verstorbenen Dichterpaten Danzelot von Silbendrechsler, überdrüssig vom Leben eines Promis. Die Echse ist fett und träge geworden, das Scharwenzeln seiner Fans hat ihn überheblich und arrogant gemacht. Das Orm hat ihn schon lange nicht mehr durchströmt und seine letzten Werke strotzen vor nichtssagender Schwülstigkeit.

Die Stadt der Träumenden Bücher

Abermals ist es ein Brief mit einer seltsamen Botschaft, der Mythenmetz aus seiner lethargischen Einsamkeit reißt. Und wieder kommt der Brief aus Buchhaim. Mythenmetz zögert nicht lange. Kurzerhand packt er seine Sachen und macht sich auf in die Stadt der Träumenden Bücher. Das zamonisches Abenteuer geht endlich weiter! Walter Moers hat sich wirklich Zeit gelassen und seine Leserschaft auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Doch endlich hat er seine Übersetzung von Mythenmetz‘ Geschichten fortgesetzt.

In „Die Stadt der Träumenden Bücher“ wandert Mythenmetz noch durch die Katakomben von Buchhaim, erlebt grausliche Abenteuer und begegnet dem Schattenkönig. Am Ende geht fast ganz Buchhaim in Flammen auf und Mythenmetz kehrt der Stadt den Rücken.

Hier geht die Geschichte weiter. Sie erzählt, wie ich nach Buchhaim zurückkehrte und zum zweiten Mal hinabstieg in die Katakomben der Bücherstadt. Sie handelt von alten Freunden und neuen Feinden, von neuen Mitstreitern und alten Widersachern. Sie handelt aber vor allem, so unglaublich es klingen mag, vom Schattenkönig.
Und sie handelt von Büchern. Von Büchern der verschiedensten Art, von guten und schlechte, lebenden und toten, träumenden und wachen, wertlosen und kostbaren, harmlosen und gefährlichen. Und von solchen, bei denen man nicht ahnt, was in ihnen steckt. Bei deren Lektüre einen jederzeit eine Überraschung ereilen kann – besonders dann, wenn man am wenigsten damit rechnet.
So, wie beim Lesen dieses Buches, geneigter Leser, das du gerade in Händen hältst. Ich muss dir nämlich mitteilen, dass dies ein vergiftetes Buch ist. Sein Kontaktgift hat in dem Augenblick begonnen, durch deine Fingerkuppen einzudringen, als du es aufgeschlagen hast. Winzige, mikroskopisch kleine Partikel nur, für welche die Poren deiner Haut so groß wie Scheunentore sind, die ungehinderten Einlass in deinen Blutkreislauf gewähren. Und nun sind diese Todesboten bereits in deinen Arterien unterwegs, direkt zu deinem Herzen.
Horch in dich hinein! Hörst du den beschleunigten Herzschlag? Spürst du das leichte Kribbeln in deinen Fingern? Die Kälte in deinen Adern, die langsam die Arme hochsteigt? Die Beklemmung in der Brust? Die Atemnot? Nein? Noch nicht? Geduld, bald wird es beginnen. Sehr bald.
Was dieses Gift dir antut, wenn es am Herzen angelangt ist? Ehrlich gesagt: Es wird dich töten. Dein Leben beenden, hier und jetzt. Das erbarmungslose Toxin wird deine Herzklappen lähmen und damit den Fluss deines Blutes anhalten, ein für alle Mal. Der medizinische Fachausdruck dafür ist Infarkt, aber ich finde Herzkasper lustiger. Du wirst vielleicht noch theatralisch an deine Brust greifen und einen Laut der Verblüffung von dir geben, bevor du zusammenbrichst. Mehr ist dir nicht vergönnt. Und nimm es bitte nicht persönlich: Du bist nicht etwas das sorgfältig ausgewählte Opfer eines Komplotts. Nein, dieser Giftmord erfüllt keinerlei Motiv. Du hast einfach nur zum falschen Buch gegriffen. Schicksal, Zufall, Pech – nenn es, wie du willst – du wirst jetzt sterben, das ist alles. Finde dich damit ab!
Es sei denn …

Buchhaim – die Stadt aller Bücherfreunde

Nach 200 Jahren macht sich die Schriftsteller-Echse wieder auf nach Buchhaim, um das Rätsel um den geheimnisvollen Brief zu lüften. Buchhaim ist inzwischen fast vollständig wieder aufgebaut worden und mehr denn je ein Zentrum für das gedruckte Wort. In einem sogenannten „Qualmoir“ – einem Lokal, wo sich Raucher ihrem Laster hingeben – trifft er auf einen weiteren Lindwurm, der ihn über alles, was in den vergangenen zwei Jahrhunderten passiert ist, aufklärt. Ovidios von Versschleifer berichtet ihm vom Wiederaufbau der Stadt, vom „Biblionismus“, einer Wissenschaft, die sich seit dem verheerenden Brand entwickelt hat, und von den Bücherjägern, die sich jetzt Librinauten nennen.

Am nächsten Morgen besucht Mythenmetz seine alten Freunde, den Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer und die Schreckse Inazea Anazazi. Er erfährt, dass ihm Kibitzer den ominösen Brief weitergeleitet hatte. Über den Verfasser des Briefes wissen jedoch weder Kibitzer noch die Schreckse etwas. Und da Mythenmetz mit seinen Ermittlungen nicht weiter kommt, lässt sie sich von der Schreckse durch Buchhaim führen. Gemeinsam besuchen sie eine Aufführung im „Puppaecircus Maximus“, einem Puppentheater der besonderen Art. Denn neben dem Biblionismus ist in Buchhaim auch der „Puppetismus“ – das Puppenspiel in vollendeter Form – entstanden.

Hier fängt die Geschichte erst an

Mythenmetz geht in seinem zweiten Buch über die Stadt der träumenden Bücher ganz in der Beschreibung des „modernen“ Buchhaims auf. Und da sich in 200 Jahren in einer Stadt so allerhand tut, braucht der Lindwurm fast alle Seiten, um sie adäquat zu beschreiben. Erst auf den letzten Seiten wird’s wieder – in gewohnter Manier – fesselnd. Doch das Gefühl der Hochspannung währt nicht lange und endet mit dem (recht frustrierenden) Satz „Hier fängt die Geschichte erst an“. Vielleicht wäre es besser gewesen, das Nachwort des Übersetzers Walter Moers zuallererst zu lesen, denn dann wäre die Enttäuschung nicht so groß gewesen:

„Ich musste, so leid es mir tut, den Roman aus Gründen seines Umfangs und seiner Komplexität in zwei Bücher aufteilen. Dies hängt hautpsächlich mit den massiven Kürzungen zusammen, die ich auch diesmal – wie fast immer bei Mythenmetz‘ oft absurd umfangreichen Prosatexten – vorzunehmen hatte. Es betrifft im vorliegenden Teil vor allem die Puppetistischen Notizen, die ich um ganze vierhundert Seiten reduzieren musste.“

Im Klartext: „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ besteht aus zwei Teilen, wobei der vorliegende Teil als „Einleitung“ verstanden werden kann. Das soll das Lesevergnügen allerdings nicht schmälern: Fantasievoll und kreativ geschrieben – wie alle Bücher aus der Moers’schen Feder – und mit zahlreichen Anspielungen zu Literatur und Musik gespickt, ist das Buch trotz des fehlenden Spannungsbogens lesenswert. Man sollte im Hinterkopf behalten, dass dieses Buch keine in sich geschlossene Geschichte ist, sondern der erste Teil eines umfangreicheren literarischen Projekts.

Rezension: NR. 251
19. Oktober 2011

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