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Andreas Föhr: Schafkopf

schafkopf

Bayern entwickelt sich immer mehr zu einem empfehlenswerten Standort für Kriminalgeschichten mit pfiffigem Nervenkitzel. „Schafkopf“ spielt im oberbayerischen Nest Miesbach. Man könnte meinen, dort kann schon aufgrund der landschaftlichen Idylle kein Mord passieren. Falsch gemeint, denn Miesbach ist voll von gewalttätigen Kleinverbrechern. So ein mieser Gauner ist Stanislaus Kummeder. Und als er neben der Gipfelkapelle auf dem Riederstein mit einem Präzisionsgewehr erschossen wird, hält sich die Trauer der Gemeinde in Grenzen. Aber die Mordsgeschichte beginnt nicht mit einem gezielten Schuss in den Kopf. Sie beginnt zwei Jahre vorher, als Kummeders Freundin Kathrin von Stanislaus‘ Gewalttätigkeit ihre blutende Nase voll hat und abhaut. Sie beginnt damit, dass der Winkeladvokat Falcking seinem kranken Schwiegervater viel Geld abluchst, das ihm später auf perfide Weise gestohlen wird. Und sie beginnt mit der unglückseligen Beziehung zwischen Susi und einem weiteren Lump, dem Wirtshausbesitzer Peter Zimbeck.

Kathrin Hoogmüller hat genug. Zu oft ist sie von Stanislaus verprügelt worden. Mit einem zerschlagenen Gesicht flüchtet sie zu ihrer Freundin Susi, die – unbezahlt natürlich – als Kellnerin für den muskelbepackten Peter Zimbeck in seinem Wirtshaus arbeitet. Bevor Kathrin mit Susis Motorrad das Weite suchen kann, gibt Susi ihr noch 900 Euro, ihr gespartes Trinkgeld. Es ist genau das Geld, das Zimbeck aber dringend braucht. Er hat nämlich gerade bei einem Schafkopf-Spiel viel Geld verloren. Als er sich die 900 Euro holen will, sind sie nicht mehr da. Er will Susi zur Rede stellen, da kommt auch schon der Stanislaus daher, der Kathrin holen will. Aber Kathrin sitzt schon auf dem Motorrad und die Kerle hören nur noch das sich entfernende Motorengeräusch. Zusammen mit Susis Bruder macht sich Zimbeck auf, Kathrin zu verfolgen, um sich das Geld wieder zu holen. Kathrins Flucht in die Freiheit misslingt: In einer Kurve stürzt sie mit dem Motorrad. Sie kann aber einen vorbeifahrenden Porschefahrer dazu überreden, sie mitzunehmen. Es ist der Jurist Falcking, der sie mitnimmt. In seinem Kofferraum sind 200.000 Euro, die er von seinem Schwiegervater ausgeliehen hat, um seine finanzielle Situation auszubessern. Es kommt, wie es kommen muss: Auf einem einsamen Schleichweg treffen Falcking und Zimbeck aufeinander.

Als Kommissar Clemens Wallner zum Tatort am Riederstein gerufen wird, weiß er natürlich noch nichts davon, was sich zwei Jahre zuvor in einem nahe gelegenen Wald abgespielt hat. Er sieht einen Toten, mit einem bedruckten T-Shirt und einer Baseball-Mütze bekleidet neben einem 10-Liter-Fass Bier liegen. Die ersten Hinweise zum Fall bekommt er vom Dorfpolizisten Kreuthner, der sich zu diesem Zeitpunkt im Jogginganzug ebenfalls auf dem Riederstein aufgehalten hat und kurz zuvor noch mit Kummeder gesprochen hat.

Es wurde allmählich kalt hier oben auf dem Gipfel. Der Tag würde nicht halten, was der Morgen versprochen hatte. Wallner zog seine Daunenjacke wieder an.

„Hat der Kreuthner noch irgendwas gesagt?“ Wallner sah Lutz an.

„Der hat mit dem Kummeder geredet, kurz bevor sie ihn erschossen haben. Der Kummeder hätt gemeint, es gäb da wen, der wüsste, was mit der Kathi Hoogmüller passiert ist.“

„Ach Gott! Immer noch die alte Geschichte?“, seufzte Mike.

„Ja, der hat net lockergelassen der Kummeder.“

„Hat er gesagt, wer was über die Hoogmüller gewusst hat?“

Lutz musste nachdenken. „Irgendeinen Namen hat er gesagt. Falter oder so ähnlich. Ein Anwalt.“

„Falcking?“, fragte Mike.

„Ja, genau. Falcking. Kennt ihr den?“

„Da war mal was vor zwei oder drei Jahren. Da hat ihm wer die EC-Karte geklaut. Nichts Spektakuläres. Aber irgendwas war komisch an der Sache.“ Wallner sah Lutz nachdenklich an. „Falcking …“

Abwechselnd erzählt der Autor was sich in der Vergangenheit abgespielt hat und welche Ermittlungen Wallner anstellt, um den Mord an Stanislaus Kummeder zu lösen. Dabei wird nicht mehr verraten, als unbedingt notwendig ist, um eine Spannung aufzubauen, die einem das Fingernägelkauen angewöhnen könnte. Aber die gelungen Konstruktion der Geschichte ist nicht alles, was der Roman zu bieten hat. Gut skizzierte Charaktere und der wohl dosierte Regionalismus bringen ordentlichen Schwung in die Jagd nach dem Mörder. „Schafkopf“ ist ein dramatisch-packender Krimi mit bayerischem Einschlag, bei dem der Leser den Lacher auf seiner Seite hat.

Schartauer hielt fünf Meter vor dem Porsche an. Die Polizisten stiegen aus und näherten sich dem Sportwagen. Niemand hielt sich darin auf. Schartauer stellte fest, dass der Schlüssel steckte und auf dem weißen Lederbezug des Beifahrersitzes ein dunkelroter Fleck zu sehen war. Weitere Flecken befanden sich auf dem hellen Teppich im Fußraum der Beifahrerseite.

„Wird doch kein Blut sein?“

Kreuthner zuckte mit den Schultern und gab Schartauer durch seine Mimik zu verstehen, dass er von ihm Vorschläge zum Verhalten in der vorliegenden Situation erwartete.

„Ich schlage vor, den Wagen nicht zu öffnen. Wegen …“, Schartauer wusste eigentlich nicht genau weswegen.

„Explosionsgefahr?“ half Kreuthner weiter.

„Explosionsgefahr.“

„So ein Schmarrn. Wieso soll denn der Wagen explodieren?“

„Ja … den … den könnten Terroristen da abgestellt haben.“

„Um die Brennnesseln zu sprengen oder warum?“

„Mei …“

„Und so blöd sind die nicht bei der Al Kaida, dass die für a Autobombe an nagelneuen Porsche hernehmen. Da nehmen die so alte Gurk’n wie deinen Polo her, verstehst? Oder hast schon mal gesehen, dass sie in Bagdad die Amis mit am Porsche in die Luft jagen?“

„Das kannst ja nimmer sehen im Fernsehen. Ich mein, was des für a Wagen war. Den zerreißt’s doch beim Anschlag“, wehrte sich Schartauer.

„Das sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass es in Bagdad keine Porsche zerreißt. So ein Wagen der kostet achtzigtausend Euro. Des is a Sünd, so was in die Luft zum sprengen. Das weiß selbst der Mohammedaner.“

Schartauer nickte.

„Schafkopf“ ist übrigens ein bayerisches Kartenspiel. Woher die beliebte Freizeitgestaltung seinen Namen hat, ist laut Wikipedia nicht eindeutig geklärt. Wer sich über das Spiel näher informieren möchte, kann sich auf der Website der Bayerischen Schafkopfschule alle notwendigen Infos zu Spielverlauf, Regeln und Techniken holen.

Rezension: NR. 211
[ssba]
6. Januar 2011

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