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Christoph Wagner: Das Apfelhaus

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Christoph Wagner war Gastrokritiker und Autor von Kochbüchern und Krimis. Unter seiner Feder entstand wohl einer der liebenswürdigsten Hobby-Detektive Österreichs: Mario Carozzi. „Das Apfelhaus“ erschien kürzlich zum ersten Todestag des „Gourmets der Nation“ und ist leider das letzte Buch über den Helden mit dem feinen Gaumen. Mario Carozzi ist ein nicht mehr ganz so junger Archäologe und Feinschmecker. Ausgrabungen sind jedoch Mangelware und so arbeitet er auch als Reisejournalist oder als Berater für Museen. Carozzis freiberuflichen Tätigkeiten hat Wagner in acht „mysteriöse Erlebnisse im Innern Europas“ zusammengefasst. Anders als seine Vorgänger („Gefüllte Siebenschläfer“, „Schattenbach„) ist dieses Carozzi-Buch keine Krimi-Geschichte sondern vielmehr eine Sammlung mystischer Begebenheiten vor der Kulisse idyllischer Örtlichkeiten wie Bled, Ljubljana, dem slowenischen Karstgebirge, der kroatischen Insel Balaor oder dem steirischen Tragöß. Aufgrund seiner natürlichen Neugier kommt Carozzi mit den Einheimischen – vorzugsweise in einem Wirtshaus – schnell ins Gespräch und erlebt dadurch seltsame Abenteuer.

„Wie so viele Geschichten, deren Ende sich nicht vorausahnen lässt, beginnt auch diese in einer völlig anderen Welt als in jener, in der sie endet.“

Es sind an Märchen und Sagen grenzenden Seltsamkeiten, mit denen Carozzi auf seinen Reisen konfrontiert wird: In einem Hotel in der Altstadt von Ljubljana bemerkt Carozzi, dass gegessene Äpfel wie von Zauberhand durch neue ersetzt werden, mitten im Karstgebirge macht er Erfahrungen mit dem Brummen der Erde, in Tragöß trifft er auf die „Gottsucher“, in Kropa stößt er in einem Museum auf die Stimme eines verstorbenen Opernsängers und in Bled macht er die Bekanntschaft eines alten Juden, der ihm das „Gottspiel“ erklärt.

Alle diese Geschichten bilden jedoch nur den Rahmen für das landschaftliche Bild von Land und Leute. Es scheint, als ob bei Wagners Kulisse die Zeit stehen geblieben wäre, als ob es sein Ziel wäre, eine alte Fotografie hervorzukramen, um sie mit Farben, Düften und Persönlichkeiten zu beleben.

An der Grenze zwischen Österreich uns Slowenien befindet sich ein Weingebirge, das im Gemälde Mitteleuropas wie ein genialer Pinselstrich anmutet. Die Landschaft der Untersteiermark – so hieß sie zu Zeiten der alten Donaumonarchie – ist so kunstvoll abgetreppt und gestaffelt, dass man meinen könnte, ein begnadeter Gartenarchitekt hätte sie entworfen. Die schwellenden Hügelketten scheinen in beständigem Fluss und von einer kaum hörbaren, aber allgegenwärtigen Melodie getragen zu sein, die freilich auch ihre Absätze und Pausen hat. Die schnurgeraden Hauptkämme verlieren sich im Labyrinth der Seitentäler und verlustieren sich geradezu an all jenen barock anmutenden Köpfen, Gupfen, Kuppen, Riegeln, Spornen und Sätteln, die dieses alte Vulkanland – zumindest für den nach Kurzweil ausschauenden Besucher – zu einem Arkadien am Rand der Alpen machen.

„Apfelhaus“ von Christoph Wagner ist im Haymon-Verlag erschienen.

Rezension: NR. 240
13. Juli 2011

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