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Eva Rossmann: Ausgekocht

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In Anbetracht dessen wie viele Verbrechen beispielsweise in Krankenhäuser oder Kirchen verübt werden, erfreut sich das Restaurant als sehr beliebter Tatort in Krimi-Büchern. Eine österreichische Repräsentantin des kulinarischen Krimis ist die Autorin und Journalistin Eva Rossmann, die bereits 13 Krimi-Bücher rund um ihre neugierige Hauptfigur Mira Valensky geschaffen hat. „Ausgekocht“ ist der fünfte Band der Serie, die allen empfohlen werden kann, die neben einer ausgekochten Detektivgeschichte auch mit lukullischen Spezialitäten verwöhnt werden wollen.
Im fünften Fall von Mira Valensky lässt Rossmann in einem romantischen Landwirtshaus außerhalb Wiens meucheln und morden. Der „Apfelbaum“, ehemals in Besitz von Frau Apfelbaums Neffen, dem Haubenkoch Manninger, wird nun von der jungen Köchin Billy Winter geführt. Ein mit Tomaten gefüllter Druckkochtopf, der in Miras Küche explodiert, veranlasst sie und ihren Freund Oskar spontan im „Apfelbaum“ zu speisen. Nach einem vorzüglichen Essen kommen Mira und Billy Winter ins Plaudern. Billy erzählt von ihrem Werdegang und von den Schwierigkeiten als Nachwuchsköchin. Als aber die beiden mit durchgeschnittenen Leitungen, zerplatzten Melonen und vergifteten Schwammerln konfrontiert werden, fangen die richtigen Probleme erst an. Ein erstochener Gourmet-Kritiker und eine faschierte Hand, deren Finger aus der Maschine noch herausragen, beanspruchen sämtliche Nerven von Miras Spürnase.
Mehr oder weniger manövriert sich Mira selbst in ihren fünften Fall hinein: Hilfsbereit und wissbegierig wie sie ist, beginnt sie Billy unter die Arme zu greifen, als nach einem weiteren „Streich“ zuerst die Abwäscherin krank wird und dann auch noch der tschechische Koch Peppi spurlos verschwindet. Für Mira bietet sich die einzigartige Gelegenheit den alltäglichen Wahnsinn in einer Haubenküche von innen kennen zu lernen und mitzuarbeiten.

Neugierig versuche ich nebenbei zu beobachten, was sich abspielt. Noch ist kein einziger Gast da, aber der Betrieb läuft bereits auf Hochtouren. Mit unglaublicher Leichtigkeit hievt Billy Winter den Dreißiglitertopf ins Abwaschbecken. Sie hat Kraft, die man ihr nie zutrauen würde. Sie kontrolliert Mahmet, der ein Schokomousse zusammenrührt, sie weist den Lehrling an, die Petersilie noch feiner zu schneiden, sie befreit zwei Rindslungenbraten in enormem Tempo von Fett, Haut und Sehnen und erklärt mir nebenbei noch, was die Hauptsache bei der Arbeit in der Küche ist:
„Mise en place, darum geht es, je besser alles vorbereitet ist, desto schneller kann man kochen. Alles, was gebraucht wird, muss bereit stehen. Wir kochen frisch, à la minute. Aber niemand hätte im Hauptgeschäft Zeit, Zwiebeln zu schneiden, Fleisch herzurichten, Karotten zu schälen. Das muss vorher geschehen. Die Fonds müssen fertig sein, die Saucen – wir machen unsere Jus, also die Grundsaucen noch selbst -, Butter in Würfel geschnitten, Beilagen vorbereitet, Speck, Würstel hergerichtet, Wachteln mit Gänseleber schon gefüllt. Was gekühlt werden muss, kommt in diese Laden und Schränke. Was einige Stunden Zimmertemperatur aushält, wie das meiste Gemüse, wird vorbereitet, dann wieder kalt gestellt und so spät wie möglich aus dem Kühlschrank geholt.“
Mir schwirrt der Kopf. Noch dazu stelle ich fest, dass ein Tellerspüler in der Gastronomie nicht länger als drei Minuten braucht. Eine Füllung wird herausgeschoben, die nächste kommt hinein. Ich komme mir unfähig vor. Aber ich kann natürlich nicht wissen, wo die vielen verschiedenen Teller hingehören. Mahmet hilft mir. Er scheint nicht zu begreifen, warum ich mich freiwillig in diesen Küchenwahnsinn begeben habe. Abenteuer. Das ist es. Zuerst der Frisiersalon in der Provinz und jetzt diese Küche. Wer sagt, dass nur Vesna einen Hang zum Abenteuer hat?

Bei Eva Rossmann haben eindeutig die Frauen das Sagen: Miras Querelen mit ihrem Chefredakteur und dem ermittelnden Kommissar, Billys Stand in der männlich dominierten Gastro-Szene und letztendlich Miras bosnische Putzfrau Vesna, die sich ohne Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis durchkämpft, zeugen von starken weiblichen Persönlichkeiten, die sich von der Männerwelt nicht ins Boxhorn jagen lassen. Zwischen erstochenen Kritikern und schweißtreibender Küchenarbeit beglückt uns die Autorin zudem mit Tipps und Tricks aus der Welt der gehobenen Kulinarik. Für ihre Recherche zu diesem Buch arbeitete die Autorin einige Monate in Manfred Buchingers Gasthaus „Zur alten Schule“ mit.

Rezension: NR. 220
6. Februar 2011

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