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Hallgrímur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen

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An diesem Titel kommt man nicht vorbei. Aber was sich auf dem ersten Blick nach Ratgeber für Ehekrisen anhört, entpuppt sich als ein krimineller Roman mit jeder Menge schwarzem Humor made in Island. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Ich-Erzähler Toxic, ein kroatischer US-Bürger, der für eine obskure Organisation als Auftragskiller arbeitet.

Mit der Leiche Nummer 66 fängt alles an: Toxic erledigt seinen Auftrag, der Kunde liegt tot im Müll. Doch plötzlich sind FBI und Polizei da. Der Killer macht sich aus dem Staub und gerät in eine berufliche Misere, denn für seinen Arbeitgeber ist er ab jetzt eine tickende Zeitbombe. Und anstatt eines feuchten Händedrucks bekommt der Killer eine Fahrkarte zurück nach Zagreb. Doch bei seiner Abreise in die Heimat wartet am Flughafen in New York schon die Zivilpolizei auf ihn. Schnell ins Klo und da präsentiert sich auch schon ein Fluchtweg in Form eines Priesters. Toxic erschlägt Reverend Friendly (Nummer 67) und krallt sich dessen Kleidung, Pass und Flugticket. „Reykjavík steht auf dem Ticket. Das ist in Europa, glaube ich.“

Erlauben Sie mir, Ihnen etwas von meiner Arbeit zu erzählen. Die meiste Zeit kellnere ich im The Zagreb Samovar, unserem gemütlichen Restaurant auf der East 21st Street. Das englische Wort waiter passt ganz gut, denn ein großer Teil der Arbeit eines Auftragsmörders besteht darin, auf den nächsten Auftrag zu warten. Was ganz schön nerven kann. Die Balkanbestie in meiner Seele bekommt nie genug. Wenn zwischen zwei Schüssen mehr als drei Monate vergehen, werde ich unausstehlich. Mein flauestes Jahr war 2002. Nur zwei Treffer und ein Fehlschuss. Letztern bereue ich noch heute. Fehlschüsse können in meiner Branche tödlich sein. Wer will schon eine angeschossene beledigte Leberwurst, die durch die Stadt tobt und dafür sorgen möchte, das man selber die Abschiedskugel kriegt? Die Leute reagieren nun mal ziemlich genervt, wenn sie merken, dass man sie umbringen will. Aber ich versichere Ihnen: Der, den ich 2002 verfehlt hatte, musste 2003 als Erster dran glauben. Seitdem lasse ich nichts mehr anbrennen.

Ab der Ankunft in Reykjavík läuft für Toxic nichts mehr so wie geplant: Kaum ist Toxic mit der Iceland Air angekommen, verwickelt er sich immer mehr in die Rolle des TV-Predigers Friendly. Einerseits, um seine Tarnung nicht auffliegen zu lassen, andererseits weiß er weder wohin er soll noch was er im kalten, friedlichen Norden anfangen soll. Seinen Beruf weiter ausüben kann er nicht und was anderes hat er nicht gelernt. Noch dazu hat es ihn in ein Land verschlagen, wo es Waffen nicht an jeder Ecke zu kaufen gibt und wirklich üble Verbrechen eher selten sind. Aber trotz dieser Orientierungslosigkeit versucht sich Toxic bei seiner Gastfamilie einzuleben und verliebt sich obendrein noch in dieTochter der Familie, eine rebellierende, blonde Schönheit.

Der Roman versucht wirklich alles, um witzig rüber zu kommen und teilweise gelingt dies auch. Als aber der Held der Geschichte nur noch von einem Fettnäpfchen ins nächste hüpft, wird die Geduld mit dem killenden Kriegsveteranen auf eine harte Probe gestellt. Wie blöd kann sich ein relativ erfolgreicher Auftragsmörder anstellen, um ja seine Tarnung auffliegen zu lassen?

Der Autor lässt seinen Hauptcharakter wirklich alles sein, bloss nicht intelligent. Da hilft auch keine humoristisch gemeinte Kaltschnäuzigkeit und auch skurril gestaltete Handlung, die mir eigentlich gut gefallen hat. Ein Profi-Killer, der aber nur noch dümmlich-spontan handelt, kommt halt nicht überzeugend rüber. Fazit: Eine lustige Geschichte mit witzigen Sagern über Island, die noch schlagfertiger daher kommen, wenn an bedenkt, dass der Autor selbst Isländer ist.

Wir gehen. Der eiskalte Abend ist so hell wie ein offener Kühlschrank. Wenn das die heißeste Partystadt von Europa ist, können wir die Sache mit der Erderwärmung ziemlich entspannt angehen.

Das Feuer der Homophobie brennt in seinen Augen. Wenn man tief genug hineinsieht, kann man durch die Flammen einen dünnen Schwulen sehen, der ans Kreuz genagelt wird und I will survive schreit.

Fast alle Vorortvillen haben Doppelgaragen. Manche von ihnen sind sog groß wie die Häuser selbst. Und vor jeder von ihnen steht ein großer Geländewagen neben einem kleinen: seiner und ihrer. Ein super Duty Ford Druck neben einem Porsche Cayenne. Diese Leute halten sich Autos wie Beduinen Kamele.

Rezension: NR. 215
26. Januar 2011

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