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Henning Mankell: Der Chinese

Extrem bestialisch beginnt das 2008 erschienene Buch von Henning Mankell: Es ist tiefster Winter in Schweden – eher durch Zufall entdeckt ein Fotograf die grauenvoll ermordeten Bewohner eines Dorfes. Bis auf eine betagte Frau und ein altes Pärchen wurde das kleine Dorf Hudiksvall bestialisch ausgerottet. Sogar auf die Erschlagung der Hunde, Katzen und Kanarienvögel wurde nicht verzichtet. Die Polizei ist ratlos, denn der einzige Anhaltspunkt ist ein rotes Seidenband. Allein die Richterin Birgitta Roslin beginnt sich für die Morde zu interessieren, denn unter den Toten befinden sich die Pflegeeltern ihrer Mutter.

Alte Tagebücher bringen sie auf eine Spur, die zuerst nach Nevada in das 19. Jahrhundert und dann nach China der Jetztzeit führt. Der Roman beginnt spannend und sehr interessant. Ein ganzes Dorf wird mehr oder weniger ausgerottet, es gibt keine Spuren und eine 50-jährige Frau beginnt nachzuforschen. Sie stößt auf die Geschichte eines Schweden, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert ist und dort beim Bau der Eisenbahn als Vorarbeiter gearbeitet hat. In seinen Tagebüchern beschreibt er den Umgang mit den afrikanischen, irischen und chinesischen Sklaven.

Im modernen Peking lebt Ya Ru, ein sehr erfolgreicher und korrupter Geschäftsmann. Auch er ist in Besitz von Tagebüchern einer seiner Vorfahren. In diesen Tagebüchern ist beschrieben, wie San mit seinem Bruder nach Amerika entführt und dort von einem schwedischen Vorarbeiter gedemütigt und versklavt wird.

San schwört dem Schweden seine Rache. Doch das Schicksal, das ihn wieder zurück nach China führt, macht ihm hier einen Strich durch die Rechnung. Ya Ru sieht sich nun als verlängerter Arm seines Ahnen und setzt alles daran, Sans Wünschen zu entsprechen und somit die Ehre wieder herzustellen.

Und ab dem Zeitpunkt, als der Leser glaubt, einen Thriller in Mankell-Manier in der Hand zu halten, startet der Autor seine Abhandlung über die Wirtschaft und Politik im heutigen China. Mithilfe seiner Hauptfiguren positioniert er die unterschiedlichen Geisteshaltungen:

  • Ya Ru – der korrupte Kapitalist
  • Hong Qui, seine Schwester, die als Vertreterin der kommunistischen Elite den moralischen Gegenpol zu ihrem Bruder bildet
  • die schwedische Richterin Birgitta Roslin, eine sentimentale Anhängerin des Maoismus.

Wohin wird sich China entwickeln? Wird sich die Supermacht dem westlichen Liberalismus öffnen? Werden die Machthaber weiter den Spagat zwischen Kapitalismus und Kommunismus versuchen?

Am Anfang super spannend, aber dann…?

„Der Chinese“ hat einen tollen Auftakt, leider versickert die Geschichte rund um das Massaker irgendwo in der Mitte des Buches. Die Lösung des Falles wird immer weniger wichtig. Dafür verstrickt sich die Protagonistin (und der Autor) mehr und mehr in politische Belange, welche noch mit Nebenhandlungen verwoben werden. Diese sind zwar für die politische Seite des Buches aufschlussreich sind, mit dem Auftakt haben sie aber leider nicht mehr viel gemeinsam.

Schnell noch vor Schluss gibt’s zwar dann doch noch so was wie eine Lösung des Falls. Sie gestaltet sich jedoch halbherzig und unbefriedigend. Hätte sich der Autor für eine Seite entschieden (schwedischer Krimi oder chinesische Polit-Roman), dann wär’s auf jeden Fall besser gewesen.

Rezension: NR. 166
10. März 2010

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