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Oliver Harris: London Underground

Rezension zu Oliver Harris: London Underground

Noch eine Stunde bis zum Feierabend. Und dann ein Date mit der Kunststudentin. Doch noch ist Detective Nick Belsey in der Londoner Innenstadt im Einsatz. Als ein BMW mit mehr als erhöhter Geschwindigkeit bei ihm vorbei rast, nimmt der Detective die Verfolgung auf. Aber er hat kein Glück. Die Spur endet in einer Sackgasse von der Bildfläche. Das einzige Gebäude, in dem er geflüchtet sein könnte, ist ein runder Bunker, der von einem Maschendrahtzaun umgeben ist. Die einzige Möglichkeit, wohin der BMW-Fahrer verschwunden sein kann? Belsey schaut nach und entdeckt einen Einstieg in das geheimnisvolle Londoner Tunnelsystem.

Besley will in den Bunker. Er hat erfahren, dass es eine Menge dieser Gebäude in London gibt, und dass diese Regierungseigentum sind. Doch ohne Durchsuchungsbefehl geht gar nichts. Außerdem darf Belsey aufgrund seines Verhaltens in der Vergangenheit keine Ermittlungen durchführen. Statt den Bunker durchsuchen zu dürfen, bekommt er von seiner neuen Chefin den Auftrag, wiederholte Einbrüche in der St.-Pancras-Bibliothek zu untersuchen. Wie aufregend!

Nick hat noch etwas Zeit zu seinem Date. Genug Zeit, auf eigene Faust den Bunker unter die Lupe zu nehmen. Mit einem Beil, einem Bolzenschneider und einer Taschenlampe bewaffnet, verschafft er sich Zutritt und hat plötzlich 60 Meter Londoner Lehm zwischen sich und der Oberfläche.

Zuerst begriff er nicht, was er vor sich hatte. Metallregale, lange Reihen von Gestellen, bei denen es sich, wie ihm nach einem Moment bewusst wurde, um Betten handelte. Dreistöckige Etagenbetten. Der Schlafsaal war niedrig und hatte eine Decke aus gewölbten Metallplatten. Die Wände glitzerten im Licht der Taschenlampe. Belsey ging hinein. Die Betten erstreckten sich so weit er sehen konnte auf beiden Seiten. Links war eine Tür mit einem Blechschild: Wärter.

In den unterirdischen Räumen findet Besley äußerst interessante Dinge: Schampus, Cognac, Schlaf- und Aufputschmittel. Perfektes Zeug zum Verticken. Und eine perfekte Location für ein paar Stunden Unterhaltung mit der Kunststudentin Jemma. Als Nick sein Date in den Schlafsaal des Bunkers lotst, den ersten Champagnerkorken knallen lässt und die ersten Küsse ausgetauscht werden, verschwindet Jemma plötzlich in der Dunkelheit. Später wird Nick herausfinden, dass Jemma vor seiner Nase entführt wurde. Von jenem Mann, den Nick noch ein paar Stunden zuvor mit dem Auto verfolgt hat, der sich selbst Ferryman nennt und der das Londoner Tunnelsystem kennt wie seine Westentasche. Und der nichts Anderes als Rache und öffentliche Aufmerksamkeit im Sinn hat.

Oliver Harris konstruiert, ausgehend von dem 1983 europaweit durchgeführten NATO-Manöver Able Archer, einen gut durchdachten und recherchierten Verschwörungskrimi. Den Roman lässt er 30 Jahre nach der Übung, die fast den dritten Weltkrieg auslöste, spielen, denn erst 2013 wurden die geheimen Protokolle veröffentlicht. Bis Nick die Zusammenhänge zwischen dem ausgetüftelten Tunnelsystem erkennt und weiß, in welchem Zusammenhang der Ferryman mit dem Manöver steht und warum diesem ein Entführungsopfer gerade recht kommt, ist es fast schon zu spät. Denn die Studentin hat nicht mehr lange zu leben und Nick rennt die Zeit davon.

Eine fesselnde, logisch aufgebaute Handlung, untermauert mit historisch bedeutenden Fakten, beglückt jeden Krimi-Fan. Allein bei der Beschreibung der Charaktere, insbesondere beim Protagonisten, wird bewusst gespart. Wir wissen, was Nick tut, wie er ermittelt, aber nie, wie es ihm geht und was er fühlt. Der Autor lässt seinen Ermittler in der Manier eines traditionellen hardboiled detective auftreten und beschreibt ihn fast allein nur durch seine Aktionen. Heraus kommt Held, für den man wenig Sympathie empfindet. Nick ist zwar ein Ermittler mit Leib und Seele, der so gut wie nie schläft oder isst (und dafür lieber mehrere Jahrzehnte alte Tabletten schluckt), um den Wettlauf gegen die Zeit zu gewinnen. Doch er ist auch ein auf den eigenen Vorteil bedachter Einzelkämpfer, der impulsiv und eigensinnig agiert. Aber zu dieser Geschichte kann kein anderer als dieser mit Ecken und Kanten ausgestattete Charakter passen!

„London Underground“ ist ein Krimi, den ich sehr gerne weiter empfehle. Für jene, die intelligente Spannung (und vielleicht auch London) lieben, ist er ein wahrer Leckerbissen. Nach „London Killing“ ist dieses Buch die Fortsetzung über die Ermittlungen des eigensinnigen Detective Nick Belsey.

Rezension: NR. 374
19. April 2017

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