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Paul Grote: Verschwörung beim Heurigen

Verschwörung beim Heurigen

Ein Ehepaar auf Urlaub in Burgenland. Er tourt durch die Weinberge und verliebt sich in eine Winzerin. Sie bandelt am Neusiedlersee mit dem Surflehrer an. Erst Ehekrise dann Mord an der schönen Winzerin. Und ausgerechnet der Ehemann steht im Visier polizeilicher Ermittlungen. Aber Verbrechen und eheliche Frustrationen rücken in den Hintergrund, wenn der Autor über die landschaftlichen Reize des Burgenlands und vor allem über den heimischen Wein schreibt. Carl und Johanna sind schon lange ein Ehepaar. Doch mit der Zeit haben sich die beiden verändert und auseinander gelebt. Carl, ein bescheidener und einfacher Charakter mit Intellekt, arbeitet als Dolmetscher, den die sprachliche Interpretation von literarischen Werken mehr interessiert als die stressige Simultanübersetzungen. Johanna war einmal Umweltaktivistin. Jetzt ist sie für eine Beratungsfirma tätig, die sich auf (positive) Gutachten zur Umweltverträglichkeit von Bauvorhaben spezialisiert hat. Keine Frage also, dass die klassische Rollenverteilung bei diesem Paar nicht gültig ist. Johanna verdient um einiges mehr als Carl und das sorgt für Verstimmung.

Der zweite Knackpunkt sind ihre Hobbies: Johanna ist ehrgeizig und sportlich. Das Surfen ist für sie eine immer wiederkehrende Herausforderung, die es zu meistern gilt. Carl hingegen frönt lieber einer ruhigen Gelassenheit. Sein Steckenpferd ist der Wein. Als Mitglied eines Weinclubs reist er zu Weinmessen und besucht Winzer. Bei einer solchen Messe lernt er Maria, eine fesche burgenländische Winzerin, kennen und bemerkt, dass Maria und er auf einer Wellenlänge sind. Maria ist auch der Grund, warum Carl Urlaub in Burgenland machen will.

Maria ist so ganz anders als Johanna: naturverbunden, humorvoll und nicht so verbissen. Trotzdem versucht sie ebenso ehrgeizig den familiären Betrieb zum Erfolg zu führen. Kein Wunder also, dass sich der belesene Deutsche in die burgenländische Unkompliziertheit verliebt. Johanna hingegen sucht nach Bestätigung und findet diese im knackig-jungen Hansi, dem Leiter einer Surfschule am Neusiedlersee.

Es kriselt zwischen Johanna und Carl. Dann findet Carl Maria tot in einer Blutlache auf ihrem Hof. Aus dem Augenwinkel sieht er noch, dass ein Mann davon läuft. Um die Misere zu komplettieren, wird Carl von der Polizei als Hauptverdächtiger abgestempelt. Da er von dieser Seite und auch von Johanna keine Hilfe erwarten kann, beginnt Carl auf eigene Faust Nachforschungen zu betreiben. Unterstützung findet er in der Vereinigung von Winzerinnen, genannt „Die Sieben“. Können Sie ihm helfen, zu klären, warum Maria umgebracht wurde? Und welche Rolle spielt der Parade-Blöndl Hansi? Wird Johanna – verblendet durch ihre übersteigerte Selbsteinschätzung aufs Glatteis geführt?

Der Roman überzeugt weniger durch Spannung und gefinkelte Handlungselemente. Die Liebe zum Wein, zur Natur und letztendlich zur menschlichen Psyche ist es, was Paul Grote am Herzen liegt. Die Charaktere, ihr Wesen und ihr Denken, werden detailreich und plastisch beschrieben – allerdings hätte er weniger gängige Klischees einsetzen können. Schön hingegen sind seine Skizzierungen der burgenländischen Landschaft. Noch besser sind die Ausführungen über Wein und Weinanbau. Man merkt, dass der Autor hier zu Hause ist. „Verschwörung beim Heurigen“ ist kein Buch mit viel spannungsgeladener Kraft. Es ist vielmehr ein genüsslicher Roman für Fans kulinarischer Krimis.

„Er ist ein Blender!“
„Wer? Wen meinen Sie?“ Carl Breitenbach blickte sein Gegenüber bestürzt an, dann begriff er. „Ach so“, sagte er gedehnt, „ich dachte, Sie meinen…“, er zögerte wieder unentschlossen.
Der Fremde kicherte vor sich hin. „Den Winzer?“ Er neigte abwägend den Kopf. „Nein … ich meinte natürlich den Wein.“
Carl blickte den Fremden an, dann in sein halbvolles Glas, er war sich nicht sicher, was er von ihm zu halten hatte. Ton und Gesichtsausdruck es Mannes ließen ihn zweifeln, besonders sein süffisantes Lächeln. Man hätte es als überheblich deuten können, oder als eine Art Abgeklärtheit, ein solches Urteil mit so viel Selbstverständlichkeit auszusprechen. Da war viel vorsichtiger, schon aus Unsicherheit. In seinem Beruf konnte er sich zwar nicht um Entscheidungen drücken, aber beim Wein war er nur zu schnell bereit, sein Urteil zu revidieren. Verlegen wich er dem Blick des Fremden aus, hob das Glas an die Nase und nahm so viel wie möglich von dem fruchtigen Duft des Weins in sich auf.
Er kostete, bewegte den Wein im Mund, kaute ihn, wie er es gelernt hatte, ließ sich auf den Geschmack ein, auf Süße und Säure, die man nur schmecken konnte – und kam zum selben Ergebnis. Dieser Chardonnay war ein Blender. Und Carl sagte, ohne sich anbiedern zu wollen: „Gewiss, ein Blender. Nur komisch“, er hielt kurz inne, „dass ich nicht gleich darauf gekommen bin.“
„Wäre ein schlechter Blender, wenn man ihm sofort auf die Schliche käme“, erklärte ihm der Fremde, „so ein Wein hätte den Namen nicht verdient. Auch ein negatives Prädikat muss man sich erarbeiten. Blender muss man machen können. Das schafft nur ein fähiger Winzer – oder Önologe.“
Jetzt schnüffelte der Fremde seinerseits am Glas, zuerst mit dem linken und dann mit dem rechten Nasenloch.
Carl nickte mehrmals, als müsse er seinen eigenen Eindruck bestätigen, er runzelte die Stirn. „Sie meinten doch den Winzer, ist es nicht so?“
Sein Gegenüber lachte. „Beantwortet sich diese Frage nicht von selbst?“

 

Rezension: NR. 227
[ssba]
8. Mai 2011

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