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Pieter Aspe: Die Kinder des Chronos

Jedem Land sein Kommissar: Maigret, Wallander, Brunetti, Brenner, … Nun hat auch Belgien einen! Pieter Van In – so heißt der ermittelnde Polizist und er teilt mit seinen europäischen Kollegen alle geläufigen Cop-Probs: Übergewicht, Alkohol, Frauen und den Hang sich in heiklen Situationen ganz auf den Instinkt (für den Autor wohl das Einfachste) zu verlassen und Regeln zu brechen. Was diesem Krimi jedoch im Vergleich zu den anderen aus Paris, Rom oder Salzburg/Wien abgeht, ist Spannung, Tiefe und vor allem eine komplexe Handlung, die den Leser dazu bringt, sich ständig zu fragen zu müssen: Wer ist der Mörder? Aspe probiert’s wirklich: Der Krimi spielt in einem Verbrechermilieu, wo alles abgeht, was einem so grundsätzlich zuwider ist – illegale Prostitution, Pädophilie, Sado-Maso,… Ein Transsexueller (!) wird ermordet und vergraben. Der Mord wird vertuscht und kommt nach Jahren über Umwege an die Oberfläche. Eine alternde, frustrierte Prostituierte (!) gibt Van In den ersten Hinweis für die Verbrecher-Jagd.

„Aus ihren Augen sprach die nackte Verzweiflung. Ihr Selbstvertrauen hatte einen gehörigen Knacks erlitten. Die erzwungene Enthaltsamkeit forderte allmählich ihren Tribut, und Teufel Alkohol startet erbarmungslos seine letzte Offensive. […] Linda setzte sich. Sie senkte den Kopf und legte die Hände in den Schoß wie eine russische Bäuerin, die von einem schweren Arbeitstag heimkehrte und sich ausruhte. Carine Neels stand in strammer Haltung hinter ihr wie eine Schildwache, was der Szene etwas Osteuropäisches verlieh. Es fehlten nur noch der Ledermantel und der grelle Scheinwerfer.

„Mevrouw Aerts“, begann Van In honigsüß. „Ich befürchte, ich muss Ihnen noch ein paar Fragen stellen.“

Pieter Van In und sein schwuler Kollege ermitteln. Nicht nur, dass ihnen hohe Tiere der Gesellschaft (sogar der Außenminister ist mit dabei) die Arbeit erschweren, es kommen auch private Probleme ins Spiel: Pieters Frau ist schwanger und macht sich Sorgen um die Gesundheit des Babys (sie sollte einfach doch mal ein Glaserl weniger trinken und nicht immer die Zigaretten von ihrem Mann schnorren – nicht gerade political correct). Noch dazu muss ER wegen IHR strikte Diät halten, was bei einem derartigen Ermittlungsstress gar nicht so einfach ist und der Wunsch nach fettigen Fritten mit Mayo ist verständlich. Der schwule Kollege wird von seinem Liebsten verlassen, der Schreibtisch-Kollege ist eigentlich ein faules Ei, der Sozialverein ein Bordell, usw.

Wer jetzt immer noch nicht von diesen wahrlich kriminellen Plattitüden genug hat, sollte dieses Buch unbedingt lesen – ansonsten: Finger weg!

Rezension: NR. 90
19. März 2008

Deine Meinung über dieses Buch:

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  • Claudia sagt:

    Oh ja! – eine sehr genussvolle Geschichte! Das Wien kurz vor der Jahrhundertwende wird sehr reizvoll dargestellt. Man hört fast die Geigen klingen.

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