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Richard K. Breuer: Brouillé

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„Brouillé“ ist der zweite Teil der Krimi-Reihe „Mosaik am Vorabend der Französischen Revolution“ und knüpft handlungstechnisch gesehen nicht direkt an den ersten Teil „Die Liebesnacht des Dichters Tiret“ an – leider, ich hätte gern gewußt, wie die Liebesgeschichte weiter geht. Es ist also nicht notwendig, den ersten Teil gelesen zu haben. Breuer serviert uns im zweiten Roman einen verzwickten Kriminalfall, eingebettet in konspirativen Machenschaften und Täuschungen in Frankreich 1789, kurz vor der Abschaffung des Ständestaats. „Nec scire est omnia“ ist das Motto des historischen Krimis und das kann man als Leser durchaus ernst nehmen: Nichts ist, wie es scheint. Im Schloss des Vicomte de Moucel gehen kriminelle Machenschaften vor: Der Gutsverwalter des Schlosses wird im Straßengraben erschlagen aufgefunden, jungfräuliche Mädchen werden entführt und bei einer Wasserquelle soll der doppelgesichtige Teufel wohnen. Es trifft sich gut, dass der gewitzte Marquis d’Angélique beabsichtigt den Vicomte auf seinem Schloss zu besuchen. Einstweilen weilt der Marquis aber noch mit seinen Freunden, dem polnischen Intellektuellen Mickiewicz und dem etwas einfältigen Amerikaner Duport, bei einer Feierlichkeit im Schloss Vallée-Chessy. Um den Seltsamkeiten auf den Grund zu gehen (und auch aus Eigeninteresse), beauftragt der Marquis seine Mitstreiter zum Schloss des Vicomte zu reisen, um dort Informationen einzuholen. Um den beiden ihre detektivische Arbeit zu erleichtern, instruiert er Mickiewicz, sich als Bankier Pierre Brouillé auszugeben. Der Marquis hat aber nicht mit Aleksanders Sturheit aus Überzeugung gerechnet:

„Ich werde mir erlauben Euch als Bankier Pierre Brouillé aus Genf vorzustellen.“

Mickiewicz blickt irritiert zum Marquis.

„Ich soll mich für einen Bankier ausgeben?“

„So ist es. Der Adel wird Euch zu Füßen liegen.“

„Diese Charade weist einen beträchtlichen Fehler auf!“

„Was sagt ihr da?“, ist der Marquis verwundert – „Ich habe alle Eventualitäten im Voraus bedacht.“

„Ich lüge nicht!“, gibt Mickiewicz zurück – „Weder für geniale Ideen, noch für obskure Hirngespinste! Wobei Ihr keinen Unterschied zwischen dem einen und dem anderen erkennen würdet.“

„Ein gelungener Aperçu“, nickt der Marquis – „aber niemand verlangt von Euch, zu lügen.“

„Wenn mich jemand mit Brouillé anspricht, werde ich darauf nicht reagieren dürfen, da ich weder Pierre Brouillé bin, noch so heiße.“

„Ihr wollt doch nicht allen Ernstes behaupten, dass Ihr …“, kneift der Marquis ein Auge zusammen, überlegt und schüttelt dezent den Kopf – „Führwahr … an Eure Ehrlichkeit dachte ich nicht im Geringsten.“

Der Marquis beginnt angestrengt nachzudenken, während Mickiewicz ein weiteres Stück Weißbrot aus dem Brotkorb nimmt.

„Nun gut!“, sagt der Marquis und sieht kurz zur Tischuhr – „Dieses unwesentliche Problem gedenke ich mit einem Scheinangriff zu lösen.“

Die von dem Marquis inszenierte Charade beginnt, und Mickiewicz neuer Name und Beruf ist dabei nur ein kleines Puzzlestück im Spiel um Macht und Einfluss. Wie es ihm gelingt als Pierre Brouillé durchzugehen und gleichzeitig immer wieder festzustellen, er hieße Mickiewicz, ist ebenfalls nur ein Teil der Situationskomik, die Breuer so gut beherrscht und auch in seinen vorhergegangenen Werken unter Beweis stellt. Er konstruiert seinen subtilen Witz zwischen den Zeilen und bettet ihn unaufdringlich in Dialoge und Handlung ein. Seitenhiebe auf die damalige Ettiquette, die durch Mickiewicz gegengesetzten Charakter noch unterstrichen werden, Gastauftritte von historischen Persönlichkeiten (z.B. Doktor Guillotin) und der tief verankerte Aberglauben, der mit der Aufklärung wetteifert – Breuer hat wieder viele historische Details zwischen zwei Buchdeckeln verpackt.

Der Wiener Autor hat zweifelsfrei ein Händchen für die gesprochene Sprache. In „Brouillé“ wird die Handlung durch die Dialoge gesteuert und diese mit allen der Zeit entsprechenden Attributen ausgestattet. Im völligen Kontrast dazu stehen die Zeilen dazwischen: Diese, kurz und bündig gefasst, haben hauptsächlich begleitende Funktion. Fast könnte man meinen, Breuer hätte lieber (wieder) einen Roman in Dialogform geschrieben, so wie er es bereits in „Rotkäppchen 2069“ und „Schwarzkopf“ getan hat.

Es ist ein Buch, bei dem man auch gerne die Dinge liest, die nicht unmittelbar mit der Geschichte zu tun haben, wie das bemerkenswerte Vorwort und die nach hinten verlegten Anmerkungen des Autors. Nicht nur, dass man damit die historischen Zusammenhänge besser erfassen kann, sondern auch weil dort Informationen versteckt sind, die einem die Liebe des Autors zu seinem Buch als Werkstück näher bringt. So kann man einen Absatz über den französischen Typograf Nicolas Jenson entdecken, einen Hinweis darauf, dass es nicht notwendig ist, den ersten Teil der Reihe gelesen zu haben und ein passendes Zitat von Adalbert Stifter auf der vorletzten Seite. Und vielleicht weil Breuer nicht nur Schriftsteller sondern auch sein eigener Verleger und Grafiker ist, sind diese kreativen Gestaltungsfreiheiten (ganz offensichtlich in der sehr gelungenen Gestaltung des Umschlags), möglich.

In Kürze wird auch der dritte Teil der Serie erscheinen. Er trägt den Titel „Madeleine“ und wird auf Breuers Website als „spannendes ‚Road-Movie‘ mit blutig skurrilen Einlagen, das an Tarantino erinnert“, beschrieben. Breuer Fans können dem „Club der 99“ beitreten und so als förderliches Mitglied dem Autor bei der Finanzierung des Projekts aktiv helfen. Im Gegenzug erhält das Mitglied eine lektorierte Version von „Madeleine“ als PDF.

» Mehr Informationen über den Club der 99.

Der Buch-Trailer zur historischen Roman-Serie „Tiret“ von Richard K. Breuer mit Iris Maria Stromberger. Der Trailer ist allen bisherigen Mitgliedern des Club der 99 für MADELEINE, dem dritten Band der Serie, gewidmet.

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Rezension: NR. 202
29. Oktober 2010

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