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Stefan Slupetzky: Der Fall des Lemmings

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„Kann man denn nicht einmal in Frieden einen Mordfall lösen, ohne tagaus, tagein belogen, betrogen und hintergangen zu werden?“ Der Lemming, alias Leopold Wallisch, ist ein Wiener Ex-Polizist und Ex-Schnüffler. Das „Ex“ zeugt nicht gerade von einer steilen kriminalistischen Karriere und ist ein Beweis mehr, dass die österreichische Krimi-Fiktion voll von Losern und Anti-Helden ist. Wie bei Kottan, Brenner und Co ist auch der Lemming etwas trottelig, aber sympathisch und witzig. Und so stolpert er ungewollt in einen Mordfall an einem pensionierten, sadistischen Lateinlehrer. Und wie’s der Autor so haben will, gibt’s Rätsel, Geheimnisse und falsche Fährten, damit die Lösung des (ersten) Falls des Lemmings ja nicht zu einfach wird. Grenzgenial! Der Lemming heißt eigentlich Leopold Wallisch. Seinen Spitznamen hat er von seinem ehemaligen Kollegen Adolf(!) Krotznig. Krotznig ist ein ledermantel-tragender Rassist und Antisemitist, ein gewaltätiges und proletoides Ekelpaket – schlimmer könnte man sich seinen Erzfeind nicht vorstellen. Nach einem patscherten Abgang bei der Wiener Polizei versucht sich der Lemming als Detektiv bei einer Agentur. Eine zunächst harmlose Überwachung eines untreuen Ehemanns beendet auch diesen Job. Denn der Untreue – der pensionierte Lateinlehrer Grinzinger – wird bei seiner Beschattung erschlagen. Der Lemming – nicht unweit vom Tatort – sieht natürlich nach, was da passiert ist und wird auch gleich von der Polizei gestellt. Als sich der Lemming gegenüber der Agentur weigert, den Mord einfach zu ignorieren, wird er gekündigt. Ein Grund mehr, der ganzen Sache auf den Grund zu gehen…

Der Krimi spielt in Wien: Den lokalen Wortwitz setzt Slupetzky gekonnt in den Dialogen um, ohne dabei jedoch in sprachliche Plattitüden abzudriften. Für Österreicher eine super Unterhaltung, die an den legendären Edmund Sackbauer erinnert:

„Ziagn, Sedi, den musst ziagn, mit aner linken Fettn“, meint jetzt der Dicke.[…]

„Auweh, da hab an Pallawatsch beinand’…“

„A Haucherln nur a Haucherl derfst ihm gebn!“

„Der tuscht ma, sogar mit an Buserer…“

„Geh Pepperl, plausch ned … is eh aufg’legt …. den nimmst von da Maschek-Seitn…“

„A geh … I massier ihm.“

„Na, habe d’Ehre … Herr Ober, kumman S’oba, des Tuach is durch …“

Irgendwann hält der Größere der beiden inne und wirft einen Blick auf seine Armbanduhr.

„Du Wäudl, der kummt nimmer … zwanz’g nach achte …“

„Scheiß. Vergess ma’s.“

Der Roman bietet mehr als witzige Dialoge mit einem anfangs unbeholfenen Kriminalisten. Schwarzer, morbider Humor, treffende Gesellschaftskritik und eine zeitenweise grausame Handlung wechseln sich ab. Neben Einblicken in die Kaffeekultur und -geschichte, beschreibt der Autor Schicksale Wiener Juden während und nach dem Zweiten Weltkrieg, Schilderungen über lokale Essgewohnheiten wechseln sich mit sadistischen Handlungen eines Lehrers und eines Kommissars ab. Und dazwischen schlängelt sich der Lemming konsequent auf der Spur des Mörders. Der Krimi entwickelt seine ultimative Spannung erst gegen Schluss, dann, als sich in die Handlung auch noch eine Liebegeschichte mischt. „Der Fall des Lemmings“ ist facettenreich, gut erzählt und fesselnd. Ein Buch, das man erst nach der letzten Seite weg legen kann.

Rezension: NR. 99
[ssba]
18. Mai 2008

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