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Amélie Nothomb: Metaphysik der Röhren

Amélie Nothomb - Metaphysik der Röhren

Amélie lebt in Japan, ist zwei Jahre alt und glaubt von sich, dass sie eine Röhre sei. Apatisch, bewegungslos – „eine Zimmerpflanze hätte mehr Lärm gemacht“. Dem nicht genug, denkt sie auch, sie wäre Gott. Ein Stück belgische Schokolade bringt Amélie jedoch in das wirkliche Leben – zu ihren belgischen Eltern, Geschwistern und zu ihrer japanischen Kinderfrau, von der sie sich fortan vergöttern lässt.

Ein „geistiger Zufall“ ist es, der Amélie aus ihrer körperlichen Regungslosigkeit holt. Jedoch wird aus der Unfähigkeit sich zu bewegen die Eigenart nur mit Zorn, Wut und Hass seiner Umwelt zu begegnen – zum Leidwesen der Familie. Amélie fühlt sich vom Leben enttäuscht und betrogen. Erst ihre Oma zeigt ihr in Form einer weißen Schokolade, dass Leben auch Genuss, Freude und Vergnügen bedeutet.

„So also wurde ich geboren, mit zweieinhalb Jahren, im Februar 1970, in dem Dorf Shukugawa in den Bergen von Kansai, unter den Augen meiner Großmutter väterlicherseits und dank der weißen Schokolade.“

Mit ihrem Erwachen in den japanischen Frühling entwickelt sich Amélie zum nächsten Extrem – super-intelligent, philosophisch, schrecklich altklug und göttlich. Dass Amélie sich als Gott fühlt, liegt auch an ihrem Kindermädchen Nishio-san, das in seinem Schützling – der japanischer Tradition entsprechend – eine okosama sieht, „eine ehrenwerte kindliche Exzellenz“. Doch Amélie wird von ihrem Thron geholt, als sie die Bedeutung der Koi (japanischer Karpfen) als Symbol für das Männliche und andere Schattenseiten der Realität begreift.

„Im Grunde sahen sie aus wie lauter stumme Castafiores, verfettet und mit bunten Fetzen behangen. Farbenfrohe Kleidung unterstreichen noch die Lächerlichkeit eines Fettwanstes, ebenso wie eine grelle Tätowierung die Speckwülste hervortreten läßt. Es gab nichts Unschöneres als diese Karpfen. Es paßte mir nicht schlecht, daß sie das Symbol der Jungen waren.[…] Die Japaner hatten mit Recht dieses Vieh um Wahrzeichen des häßlichen Geschlechts gemacht.“

Wenn Babys sprechen könnten, was würden sie uns wohl erzählen?

Das ist die Frage, die die Autorin auf recht ungewöhnliche, kluge und teilweise absurde Weise thematisiert, ohne dabei eine realistische Erklärung für die Evolution von Kindern anbieten zu wollen.

Trotz so manchen witzigen Begebenheiten und ironisch-philosophischen Betrachtungen in einer klaren und gut formulierten Sprache ist es schwer, sich mit der Heldin (und übrigens auch mit dem Titel des Buches) anzufreunden, sind doch ihr kapriziöses Gehabe und Erhabenheit manchmal etwas nervig. Wer möchte sich schon mit einer Röhre identifizieren… Trotzdem: „Metaphysik der Röhren“ ist ein etwas anderes und nicht uninteressantes Buch, das das Thema Kindheit beschreibt und es von einer neuen Perspektive aus erzählt.

„Metaphysik der Röhren“ ist die fiktive Autobiografie der in Japan geborenen Autorin Amélie Nothomb.

Rezension: NR. 56
20. August 2007

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