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Anna Gavalda: Zusammen ist man weniger allein

Es gibt Bücher, die durch ihren Titel und Klappentext einfach vom Lesen abschrecken. Bücher, an denen man hundert Mal vorbei geht, es einem dann beim hundertundersten Mal zu bunt wird, es kauft, liest und – selten aber doch – überrascht und angetan ist. Es wäre besser gewesen, diesem Buch seinen Originaltitel „Ensemble c’est tout“ tragen zu lassen und nicht die Brigitte auf der Umgschlagseite zu zitieren. Ich wäre dann schneller zu einem französischen Lesevergnügen gekommen.

Liest man den Klappentext, könnte man meinen, es wäre ein Drama rund um ein paar französische Psychos. In der Tat kämpfen die vier Anti-Helden Philibert, Camille, Franck und Paulette mit ihrem Alltag, ihren Kindheitstraumen und familiären Vergangenheiten. Doch die Probleme, die sie haben, und die Auswirkungen der Vergangenheit auf ihre Persönlichkeit, haben hier weniger mit dem Gang zum Psychiater zu tun. Es sind Schwierigkeiten, mit denen wir alle zu tun haben, die unser Leben prägen und schlicht zu unserem Alltag gehören. Diesen Stoff hat Anna Gavalda zu einem liebenswerten Gewebe versponnen, mit einem Hauch Romantik und viel französischem Charme.

Hauptsächlich dreht sich die Geschichte um Camille. Camille ist Putzfrau, blockierte Künstlerin und hat eine Mutter, die sie 1. nie gewollt hat und 2. deshalb auch nicht verstehen will. Und trotzdem läßt Camille die Beziehung über sich ergehen – es ist ja die Mutter. Camille ist magersüchtig und verkriecht sich am liebsten in ihr Dachzimmer mit den feuchten Wänden und zugigen Fenstern. Als sie mit hohem Fieber auf ihrer Matratze liegt, wird sie von ihrem verklemmten Nachbarn Philibert in seine Wohnung geholt und dort gepflegt. Philibert ist aus adeligem Hause und entspricht so gar nicht einem gewünschten Stammhalter. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er mit dem Verkauf von Postkarten – wenn er mit jemand Fremden spricht, stottert er. Philibert wohnt in (s)einer 300 m2 Wohnung mit dem Koch Franck zusammen. Der hatte ebenfalls eine schwierige Kindheit und kompensiert seine Traumen mit viel Sex und Motorrädern. Dieser WG gesellt sich dann noch Paulette – Francks Oma – hinzu, die partout nicht in einem Altersheim wohnen will. Dieser zusammen gewürfelte Haufen rauft sich zusammen und merkt allmählich, dass ihnen ihr Patchwork-Family-Life gut tut.

Der Roman besticht durch seine lebendigen, schnellen Dialoge, die mich stark an den französischen Film erinnert haben. Die Gespräche der Protagonisten sind immer wieder durch gedankliche Sprünge geprägt, was aber nicht daran hindert, Gefühle und Situationen nachzuvollziehen. Im Gegenteil: Das Unausgesprochene zwischen den Zeilen macht die Geschichte sehr menschlich. Und obwohl der Plot eigentlich nach der Hälfte klar ist und danach (fast) keine Überraschungen mehr bietet, kann man von diesem Buch nicht lassen. Zu liebenswert ist die Geschichte von vier grundverschiedenen Menschen, die versuchen, irgendwie im Leben Fuß zu fassen.

Er hatte nicht damit gerechnet, sie in der Küche zu finden, eingewickelt in ihre Daunendecke.

„Du bist hier?“

Sie sah auf, ohne zu antworten.

„Warum siehst du mich so an?“

„Pardon?“

„Wie ein Stück Dreck.“

„Überhaupt nicht!“

„Doch, doch, das seh ich doch,“ erregte er sich. „Gibt’s ein Problem? Stört dich was?“

„Schon gut, ja? Laß mich in Ruhe. Ich hab überhaupt nichts gesagt. Dein Leben ist mir total egal. Mach, was du willst! Ich bin nicht deine Mutter!“

„Gut. Das ist auch besser so.“

„Was gibt’s zu futtern?“ fragte er und inspizierte das Innere des Kühlschranks, „nichts natürlich. Hier ist nie was drin. Wovon lebt ihr bloß, Philibert und du? Von euren Büchern? Von Fliegen, die ihr euch gefangen habt?“

Camille seufzte und sammelte die Zipfel ihrer Decke zusammen.

„Verziehst du dich? Hast du schon gegessen?“

„Ja.“

„Ah ja, richtig, man könnte meinen, du hast ein bißchen zugelegt.“

„He“, sie drehte sich um und blaffte zurück, „ich misch mich nicht in dein Leben ein und du dich nicht in meins, okay? Außerdem, wolltest du nicht nach den Feiertagen bei einem Kumpel unterschlüpfen? Wenn das so ist, müssen wir nur noch eine Woche durchhalten. das sollten wir doch schaffen, oder? Hör zu, am einfachsten ist, du sprichst gar nicht mehr mit mir.“

Etwas später klopfte er an ihre Zimmertür.

„Ja?“

Er warf ein Päckchen auf ihr Bett.

„Was ist das?“

Er war schon wieder gegangen.

Es war ein weiches, viereckiges Päckchen. Das Papier war scheußlich, völlig zerknittert, als wäre es schon mehrmals benutzt worden, und es verströmte einen seltsamen Geruch. Einen miefigen Geruch. Nach Kantinenessen.

Camille packte es vorsichtig aus und glaubte zunächst, es sei ein Putzlappen. Dubioses Geschenk des Schönlings von nebenan. Nicht doch, es war ein Schal, sehr lang, sehr weitmaschig und eher schlecht gestrickt: ein Loch, ein Fädchen, zwei Maschen, ein Loch, ein Fädchen etc. Ein neues Muster, vielleicht? Die Farben waren auch … na ja … speziell.

Eine Nachricht lag bei.

Die Schrift einer Grundschullehrerin der Jahrhundertwende, hellblau, zittrig und voller Schleifen, entschuldigte sich:

Mademoiselle,

Franck konnte mir nicht sagen, welche Augenfarbe Sie haben, also habe ich von allem etwas genommen. Ich wünsche Ihnen fröhliche Weihnachten.

Paulette Lestafier

Camille biß sich auf die Lippen. Neben dem Buch der Kesslers, das nicht zählte, weil es etwas in der Art von „Ja, ja, es gibt Menschen, die ein Werk hervorbringen“ implizierte, war es ihr einziges Geschenk.

Ui, war es häßlich. Oh, war es schön.

Sie setzte sich in ihrem Bett auf und schlang den Schal wie eine Boa um den Hals, sehr zur Belustigung des Marquis.

Pu pu pi du wuaaah …

Wer war diese Paulette? Seine Mutter?

Mitten in der Nacht hatte sie ihr Buch durch.

Gut. Weihnachten war vorbei.

Der Roman wurde 2007 verfilmt: http://www.zusammen-ist-man-weniger-allein.de/

Rezension: NR. 115
[ssba]
23. November 2008

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