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Arno Geiger: Uns geht es gut

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Philipp Erlach ist Mitte Dreißig und hat das Wiener Vorstadthaus seiner Großmutter geerbt. Das Haus ist voll von familiärer Vergangenheit und Philipp – ein unentschlossender und antriebsloser Typ – mag sich gar nicht mit dem (geistigen) Mobiliar seiner Familie auseinandersetzen. Arno Geiger erzählt von drei Generationen einer Wiener Familie, wechselt dabei immer wieder von der Gegenwart in die Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts, und verknüpft so die Einzel-Schicksale mit der österreichische Geschichte. Mit „Uns geht es gut“ hat der Bregenzer Literat Arno Geiger den deutschen Buchpreis 2005 bekommen. Das Buch beginnt 2001 – Philipp inspiziert das geerbte Haus und bald ist klar, dass er sich weder mit der Vergangenheit seiner Familie noch mit seiner eigenen Gegenwart auseinandersetzen will. Dazu ist Philipp zu träge, zu unentschlossen, und das Erbe lastet auf seinen Schultern.

Er wünscht sich ein leeres, aufgeräumtes Haus und bereut es später, dass er Erinnerungen achtlos in den Müllcontainer geschmissen hat. Mit Johanna hat er eine Durchzugsbeziehung, einen Freundeskreis gibt es nicht und auch die Versuche, mit den Nachbarn zu reden, scheitern. Philipps Mutter ist bereits seit den 70er Jahren tot, seine Schwester lebt in New York und zu seinem Vater ist die Beziehung auch nur eine sporadische. Und so wie im Laufe eines knappen Jahrhunderts seine Familie zerfällt, zerbricht auch das Haus. Philipps Großvater Richard Sterk hat mit seiner Frau Alma in diesem Haus gelebt, zusammen mit seinen Kindern Ingrid und Otto. Beide Kinder sterben: Otto im 2. Weltkrieg, Ingrid später bei einem Badeunfall. Ingrid heiratet zuvor den gescheiterten Erfinder Peter Erlach und zerwirft sich deshalb mit ihrem konservativen und christlich-sozialen Vater. Arno Geiger erzählt in Rückblenden von gescheiterten Existenzen und Familientragödien. Dies erfolgt jedoch nicht fortlaufend sondern immer im Wechsel zu Philipps Gegenwart. Obwohl nur acht Tage zwischen 1938 bis 1989 aus dem Leben einzelner Familienmitglieder gegriffen werden, wird die gesamte Familiengeschichte offenbart und immer wieder in Zusammenhang mit den Veränderungen des sozialen und politischen Lebens in Österreich in diesem Zeitraum gebracht. Den Gedanken und Gefühle der Frauen dieser Familie hat Arno Geiger besondere Beachtung geschenkt: Alma, die Großmutter, die unter der Sprachlosigkeit ihres Mannes leidet. Ingrid, die in den 50er und 60er zwischen ihrem Beruf als Ärztin und Familie zerrieben wird. Und Sissi, die aufmüpfige und trotzige Pubertierende, die später nach New York heiratet. Es ist gerade Ingrid, die inmitten der Auflösung des konservativen Denkens und dem Beginn der Moderne aufwächst. Als Kind hat sie als Statistin in „Der Hofrat Geiger“ mitgewirkt, 23 Jahre später hat die romantisch verklärte Geschichte vom Mariandl für Ingrid einer gänzlich anderen Bedeutung.

„Sie faßt es nicht: Wie konnte sie diese Ungeheuerlichkeit dreiundzwanzig Jahre lang übersehen? Wie konnte sie übersehen, daß sich die sitzengelassene Frau mit dem unehelichen Kind durch die dreißiger Jahre und den Krieg schlägt, damit der Herr Hofrat nach achtzehn Jahren daherkommt und sich großzügig zum totalen Familien oberhaupt aufschwingt? Wenn Ingrid sich vergegenwärtigt, daß ihr die Schnulze, als sie ein Mädchen war, Inbegriff des höchsten Glücks inmitten der vertrauten Landschaft gewesen ist. Wenn sie bedenkt, wie sehr sie von diesem Film und seinen Happy-End-Exzessen gerührt war, und ihre Freundinnen nicht weniger, in einem kollektiven Tagtraum, den der Film erzeugt oder aufgriff und verstärkte. Wenn sie außerdem bedenkt, wie sehr sie noch Jahre später für den Hofrat und seine bonierte Lebensweise schwärmte und daß sie die Autogrammkarte des päpstlich lächelnden Paul Hörbiger bis heute bei den besonders gehüteten Schätzen aufbewahrt: Wenn sie dies alles bedenkt – und zwar unter dem Aspekt ihres eigenen Lebens und ihrer jetzigen Situation -, müßte ihr eigentlich speiübel werden.“

„Uns geht es gut“ ist ein österreichischer Roman und ein wunderbares Stück österreichische Literatur. Auch wer sich für Familiengeschichten nicht erwärmen kann: Durch die erzählerische Technik der 1-Tages Rückblenden ist ein bestens konstruierter Roman entstanden, der keine Langatmigkeit zulässt. Die Farbe des Windrads: Wendelin Schmidt-Dengler über den Erzähler Arno Geiger

Rezension: NR. 49
24. Juli 2007

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