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Carlos Ruiz Zafón: Das Spiel des Engels

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Es ist selten, dass ein Autor nach einem Bestseller noch einen hinlegt. Ruiz Zafón ist dies gelungen, vielleicht auch deshalb, weil er auf das erfolgreiche Konzept von „Der Schatten des Windes“ zurückgegriffen und es noch mit mehr Düsternis, Komplexität und Mysterien verfeinert hat. Protagonist ist ein junger und verarmter Journalist in Barcelona des beginnenden 20. Jahrhunderts, der bald merkt, dass ihm die Literatur mehr am Herzen liegt als die redaktionelle Arbeit bei einer heruntergekommenen Zeitung. Sein Mentor und Freund Pedro Vidal bestärkt ihn den Weg eines Literaten einzuschlagen und so beginnt David Martín für einen schwindeligen Verlag Schauerromane unter einem Pseudonym zu schreiben. Obwohl sehr talentiert und erfolgreich, erfüllt ihn das Schreiben von 3-Groschen-Romanen unter einem fremden Namen bald nicht mehr. Gleichzeitig geht sein Privatleben und seine Gesundheit den Bach hinunter: Seine grosse Liebe zu der hübschen Cristina bleibt unerwidert und ein Hirntumor wird bald seinem Leben ein Ende bereiten. Da macht ihm der französische Verleger Andreas Corelli ein unwiderstehliches Angebot, das David nicht ausschlagen kann – auch wenn er dafür seine Seele verkaufen muss. Ein Schriftsteller, der zum ersten Mal von Erfolg gekrönt wurde, ist dazu verdammt, immer wieder diesen ersten Moment des Glücks nachzujagen. So ergeht es auch David Martín und Corellis Auftrag, ein spezielles Buch zu schreiben, kommt ihm nicht nur in finanzieller Hinsicht gelegen. Zögernd und auch weil David aufgrund des tödlichen Tumors am Ende seiner Kräfte ist, willigt er in Corellis Vertrag ein; ohne recht zu ahnen mit wem er es zu tun hat oder auf was er sich eigentlich einlässt.

„Wollen Sie leben?“

Ich wollte antworten, fand aber keine Worte. Meine Kehle war wie zugeschnürt, und meine Augen füllten sich mit Tränen. Bis zu diesem Augenblick war mir nicht klar gewesen, wie sehr ich weiter atmen, weiterhin jeden Morgen die Augen öffnen wollte, wie sehr es mich auf die Straße hinauszog, um übers Pflaster zu gehen und den Himme zu sehen, und, vor allem, wie sehr ich mich weiter erinnern wollte.

Ich nickte.

„Ich werde Ihnen helfen, mein lieber Martín. Ich bitte Sie einzig, mir zu vertrauen. Nehmen Sie mein Angebot an. Lassen Sie mich Ihnen helfen. Lassen Sie mich Ihnen geben, was Sie sich am meisten wünschen. Das ist es, was ich Ihnen verspreche.“

Corelli lächelte und lehnte sich vor, um mich auf die Wange zu küssen. Seine Lippen waren eiskalt.

„Sie und ich, mein Freund, wir werden zusammen Großes erschaffen, Sie werden schon sehen“, flüsterte er.

Der Autor gibt bereits im Titel die Richtung des Romans vor und verdeutlicht es zudem in Corellis Markenzeichen, einem Engel. Und zu Beginn scheint Corelli auch ein wahrhafter Engel zu sein. David hat durch Corelli Geld und ein neues Leben bekommen – motiviert und ehrgeizig beginnt er an seinem neuen Projekt zu arbeiten. Als jedoch sein alter Verlag samt Inhaber in Feuer aufgeht, kommen die ersten Zweifel an der Erfolg versprechenden Geschäftsbeziehung mit Corelli. David beginnt zu recherchieren und sieht sich bald als (weitere) Spielfigur in Corellis Vorstellung.

„Das Spiel des Engels“ ist ein spannender und ausgezeichnet erzählter aber auch ein fordernder Roman. Nicht alle Handlungsstränge sind auf den ersten Blick durchschaubar und manches muss man erst mal sitzen lassen, bevor das Aha-Erlebnis eintritt, denn der Autor hat einiges an Symbolik und Parallelen zu Literatur und Religion (z.B. Goethes Faust) in den Roman gepackt. Zudem präsentiert sich die Geschichte als Liebestragödie und Kriminalgeschichte, in der einem die philosophischen Gedankenspiele zwischen Corelli und Martín wie wohltuende Pausen vorkommen. Sofern man bereit ist, sich in eine knifflige Handlung mit mysteriösen Charakteren und albtraumhaften Szenen einzulassen, wird man mit jeder Zeile belohnt werden.

Das Schloss gab nach, und ich stieß die Tür mit solcher Wucht auf, dass ich der Länge nach auf die Marmorplatte am Schwimmbecken fiel. Mein Gesicht landete nur eine Handbreit von der Wasseroberfläche entfernt, sodass mir der Gestank des fauligen Wassers in die Nase stieg. Ich starrte ins Dunkel über dem Beckengrund. Da tat sich zwischen den Wolken ein Spalt auf, und die Sonne schien ins Wasser und strich über den zerbröckelten Mosaikboden. Das Bild zeigt sich nur einen Augenblick. Der Rollstuhl war auf dem Grund gestrandet und nach vorn gekippt. Das Licht wanderte weiter bis zur tiefsten Stelle des Schwimmbeckens, und dort erblickte ich sie. an der Seitenwand lehnte ein Körper, in ein weißes, im Wasser schwebendes Kleid gehüllt. Zuerst dachte ich an eine Puppe – die scharlachroten Lippen waren im Wasser aufgequollen, die Augen leuchteten wie Saphire. Langsam wallte das rote Haar im fauligen Wasser, die Haut war blau. Die Witwe Marlasca. Eine Sekunde später zogen sich die Wolken wieder zusammen, und das Wasser war der trübe Spiegel von ehedem, in dem ich nur mein Gesicht und einen Schatten sehen konnte, der jetzt hinter mir auf der Schwelle der Veranda mit dem Messer in der Hand Gestalt annahm. Ich schoss hoch und rannte los, durch den Garten, zwischen den Bäumen hindurch, mir an den Büschen Gesicht und Hände zerkratzend, bis ich zum Eisentor und auf die Straße gelangte. Ich rannte weiter und blieb erst auf der Carretera de Vallvidrera stehen. Völlig außer Atem, wandte ich mich um und sah, dass das Haus Marlasca wieder am Ende des Gässchens verborgen war, unsichtbar für diese Welt.

Leseprobe „Das Spiel des Engels“ von Carlos Ruiz Zafón

Rezension: NR. 180
[ssba]
9. Juni 2010

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