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Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

Barcelona, 1945: Zum ersten Mal wird der zehnjährige Daniel von seinem Vater, einem Buchhändler, zum Friedhof der Vergessenen Bücher mitgenommen. „Hier leben für immer die Bücher, an die sich niemand mehr erinnert, die Bücher, die sich in der Zeit verloren haben und hoffen, eines Tages einem neuen Leser in die Hände zu fallen.“ Daniel soll nun die Patenschaft für ein Buch übernehmen und er entscheidet sich für „Der Schatten des Windes“ von Julián Carax – ein Buch, das großen Einfluss auf sein Leben haben wird.

Wieder zu Hause in der Calle Santa Ana, zog ich mich an diesem Nachmittag in mein Zimmer zurück und beschloß, die ersten Zeilen meines neuen Freundes zu lesen. Bevor ich es recht merkte, war ich schon rettungslos hineingestürzt. Der Roman erzählte die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach seinem richtigen Vater, den er nie kennengelernt hatte und von dem er nur dank der letzten Worte erfuhr, die seine Mutter auf dem Totenbett sprach. Die Geschichte dieser Suche wurde zu einer rastlosen Odyssee, auf der der Protagonist darum kämpfte, eine verlorene Kindheit und Jugend wiederzufinden, und auf der man langsam den Schatten einer verfluchten Liebe entdeckte, deren Erinnerung ihn bis ans Ende seiner Tage verfolgen sollte. Je weiter ich in der Lektüre kam, desto mehr erinnerte mich die Erzählweise an eine dieser russischen Puppen, die immer weitere und kleinere Abbilder ihrer selbst in sich bergen. Die Minuten und Stunden vergingen wie im Nu. Gefangen in der Geschichte, vernahm ich Stunden später kaum die mitternächtlichen Glockenschläge der Kathedrale in der Ferne. Unter dem gelben Licht der Tischlampe tauchte ich in eine Welt von Bildern und Gefühlen, wie ich sie nie zuvor kennengelernt hatte. Figuren, die mir so wirklich erschienen wie meine Umwelt, saugten mich in einen Tunnel von Abenteuern und Geheimnissen hinein, aus dem ich nicht mehr entrinnen mochte. Seite um Seite ließ ich mich vom Zauber der Geschichte und ihrer Welt einhüllen, bis der Morgenhauch über mein Fenster strich und meine erschöpften Augen über die letzte Seite glitten. Im bläulichen Halbdunkel der Dämmerung legte ich mich mit dem Buch auf der Brust hin und lauschte dem Gemurmel der schlafenden Stadt. Traum und Müdigkeit klopften an, aber ich mochte mich nicht ergeben. Ich wollte den Zauber der Geschichte nicht verlieren und mich noch nicht von ihren Figuren verabschieden.

Daniel ahnt noch nicht, was es mit diesem Buch auf sich hat und unaufhaltsam wird er in ein lebensgefährliches Verwirrspiel von Liebe, Verführung, Verrat und Gewalt gezogen. Daniel ist in Besitz des noch einzigen vorhandenen Exemplar. Alle anderen Bücher wurden von einem Unbekannten aufgespürt und verbrannt. Um auch noch das letzte Buch zu bekommen, macht ein geheimnisvoller Mann mit einem entstellten Gesicht Jagd auf Daniel. Daniel wiederum begibt sich auf die ebenso geheimnisvolle Suche nach dem Autor des Buches, um mehr über sein Leben oder andere Werke heraus zu finden.

Der Roman beginnt wie ein poetischer Fantasy-Roman, was er aber nicht ist. Den Leser erwartet ein rätselhaftes Abenteuer in Barcelona der düsteren Franco-Zeit. Thriller- und Krimi-Elemente, eine wunderschöne Sprache und ausgefeilte, vielschichtige Charaktere machen diesen Roman zu einem wirklichen Abenteuer im Kopf. Die spanischen Buchhändler erkoren „Der Schatten des Windes“ zum „Roman des Jahres 2002“. Ein Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte!

Rezension: NR. 50
[ssba]
25. Juli 2007

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