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Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit

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Dies ist die Geschichte über den englischen Uhrmacher Alister Cox und seine Reise in das Reich der Mitte. Alister Cox ist kein beliebiger Uhrmacher, er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und mehr noch: Er ist ein Künstler. Aus diesem Grund bittet ihn der Kaiser von China Qianlong in die Verbotene Stadt zu kommen, um für ihn Uhren zu bauen. Selbstredend keine gewöhnlichen Uhren.

London im 18. Jahrhundert: Alister Cox ist einer der geschicktesten Uhrmacher und Automatenbauer seiner Zeit: Er ist Herr über 900 Feinmechaniker, Juweliere, Gold- und Silberschmiede und betreibt seine erfolgreichen Manufakturen in London, Manchester und Liverpool. Als er Besuch von Gesandten des erhabenen Kaisers Qianlong aus China bekommt, die ihn in die Verbotene Stadt in Beijing einladen, kommt ihm das Angebot für den Kaiser Uhren zu erschaffen sehr recht. Seine kleine Tochter Abigail wird gerade zu Grabe getragen und Cox‘ Trauer kennt keine Grenzen. Seine Frau distanziert sich mehr und mehr und der Uhrmacher sieht in einer längeren Reise die Möglichkeit, ihr und besonders sich selbst Zeit und Abstand zu geben, um mit dem tragischen Verlust fertig zu werden. Begleitet von drei ausgesuchten Mitarbeitern bricht er zwei Jahre später auf.

Clash of Civilizations

China war im 18. Jahrhundert ein Land, von dem Europa nur sehr wenig wusste. Für Cox ist es der Eintritt in eine komplett andere Welt. Als Engländer im 18. Jahrhundert ist er zwar an Gewalt und Grausamkeit gewohnt, doch kaum hat er seinen Fuß auf chinesisches Land gesetzt, muss er erfahren, wie 27 Verurteilte als Strafe die Nase abgeschnitten wird. Gleichzeitig offenbart sich ihm eine Welt aus Seide, goldenen Kunstwerken und unermesslichem Reichtum und Schönheit. Und es gibt Regeln. Viele Regeln, an die sich Cox und seine Reisegefährten nur schwer gewöhnen können, weil sie aufgrund ihrer Kultur und Erziehung deren Sinn nicht ganz begreifen können. Ein Blick in eine falsche Richtung, ein Schritt zu viel oder ein unpassendes Wort wird mit Folter und Tod bestraft.

Doch Cox ist nicht auf Urlaub in China. Er hat einen Arbeitsauftrag. Nachdem er seine Werkstatt in der der Verbotenen Stadt eingerichtet und von seinem Dolmetscher Joseph Kiang mehr über die Sitten und Gebräuche erfahren hat, folgt die längst ersehnte Audienz beim Herrn der zehntausend Jahre. Und während Cox vor dem Thron mit den drei Stufen mit der Stirn am Boden kniet, hört er, welche Aufgaben ihm der mächtigste Mann der Welt stellt:

Der Kaiser wollte, daß Cox ihm für die fliegenden, kriechenden oder erstarrten Zeiten eines menschlichen Lebens Uhren baute, Maschinen, die gemäß dem Zeitempfinden eines Liebenden, eines Kindes, eines Verurteilten und anderer, an den Abgründen oder in den Käfigen ihrer Existenz gefangenen oder über den Wolken ihres Glücks schwebenden Menschen den Stunden- oder Tageskreis anzeigen sollten – das wechselnde Tempo der Zeit.

Die Ewige Uhr

Cox beginnt zu arbeiten, schafft künstlerische Meisterwerke und der Kaiser ist mehr als begeistert. Und als er an den Plänen für eine ewige Uhr, ein Perpetuum Mobile, tüftelt, findet Cox in diesem Auftrag seine längst erhoffte intellektuelle Herausforderung. Doch wie lange kann das gut gehen? Wie lange toleriert der Hof die unkonventionellen und unstatthaften Besuche des Kaisers beim Uhrmacher? Warum braucht die Langnase so viel Quecksilber? Hat der Uhrmacher, der nicht einmal der chinesischen Sprache mächtig ist, magische Fähigkeiten? Und wird die Erfüllung der Aufträge gleichzeitig auch Cox‘ Todesurteil sein?

Ransmayrs aktueller Roman ist ein märchenhafter und gut zu lesen. Man könnte die Handlung selbst mit einer Uhr vergleichen: Gleich zu Anfang ertönt der Gong zum Stundenschlag, dann tickt die Erzählung gleichmäßig vor sich hin, um ab und zu wieder von einem Gong – gleich einer Zäsur – unterbrochen zu werden. Es geht stetig weiter, die Geschichte bleibt dabei weitgehend unaufgeregt. Doch wenn auch die nach Luft japsende Dramatik fehlt, gibt es dennoch keine Langatmigkeit oder Langweile. Das Buch ist einfach nur eine schöne Geschichte, die einfach nur schön erzählt wird.

Rezension: NR. 364
[ssba]
17. Dezember 2016

Deine Meinung über dieses Buch:

1 comment
  • DerSinn sagt:

    Ich habe es auch gerne gelesen – obwohl es wirklich weit von meiner sonstigen Lektüre entfernt ist.

    Mir gefällt Dein Vergleich mit einer Uhr. Zwar ist es eine, die unregelmäßig tickt und schlägt, doch passt sie hervorragend zu Ransmayers Text und Intention. Die schlägt, wenn es passt. Selbst, wenn es gerade unpassend ist. Ein tolles Bild.

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