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Christoph Ransmayr: Der fliegende Berg

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Zwei irische Brüder brechen auf, um einen noch unentdeckten Berg in Osttibet zu besteigen. Das klingt nach einem Bergsteigerroman, ist es aber eigentlich nicht. In einer wunderschönen, poetischen Sprache – was könnte man auch anderes von Ransmayr erwarten – wird eine in Strophen gegliederte Liebesgeschichte erzählt, die uns das Herz in der Welt voll von Eis und Schnee erwärmt und zugleich ein spannendes und mitunter mystisches Abenteuer bietet. Liam und Pádraic sind Brüder, irische Brüder, die verschiedener nicht sein könnten. Liam, der ältere von den beiden, Technikfreak, schwul, stur und selbstsicher, ist im Internet auf einen noch unentdeckten Berg, dem Phur-Ri – „Fliegender Berg“ – gestoßen. Seitdem ist er besessen, ihn zu finden und zu besteigen. Einem weißen Fleck auf der Landkarte möchte er (s)einen Namen geben. Dazu braucht er aber einen Bergkameraden und überredet deshalb seinen Bruder ihn nach Kham in Osttibet zu begleiten.

Die Einreise nach Kham gestaltet sich schwierig: Kham ist ein von den Chinesen besetztes Land. Doch für Liam ist das alles kein Problem. In Kham schließen sich die Brüder einem Nomanden-Clan an und ziehen mit dessen Yakherde in die Richtung des fliegenden Bergs. Es kommt zu einer nicht ausgesprochenen Auseinandersetzung der Brüder, denn Pádraic – der Ich-Erzähler – findet in der Nomadin Nyema seine große Liebe und bekommt Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Abenteuers.

Eine Geschichte von unterschiedlichen Brüdern, die einen Berg besteigen, ist wirklich nicht neu. Auch die Tatsache, dass es hier um zwei irische Brüder geht, die mit der IRA und einem dominanten patriotischen Vater aufgewachsen sind, macht die Erzählung eigentlich auch nicht bedeutsamer. Der Reiz des Buches liegt in seiner Sprache: es ist der ungewöhnliche Flattersatz, in dem die Erzählung geschrieben ist – in Strophen gegliederte Sätze, die sich nach dem Duktus der gesprochenen Sprache formen – und die Art des Erzählens, die einen fast schon zwingt, sich weiter zu konzentrieren, um die nächste Zeile zu genießen. Ein anspruchsvolles Buch, wortgewaltig und sehr dramatisch.

„Steh auf!

Mein Bruder zog, zerrte mich hoch,

sank mit mir in den Schnee zurück.

Und ich kauerte in seinen Armen,

6840 Meter über dem Meer,

und starrte durch einen dunklen Flockenwirbel

auf die Eisfahnen des Phur-Ri,

auf den blendenden Gipfel des fliegenden Berges,

auf dem ich unsere Namen

mit dem Schaft meines Eispickels

in den Schnee geschrieben hatte.

Ich lebte.

Du glaubst, geschlafen zu haben,

höre ich Nyema sagen und sehe,

wie sie Tashi, einen rußigen, weinenden Säugling,

auf ihren Armen wiegt,

du glaubst, geschlafen, geträumt zu haben,

und warst doch tot: deinem Leben fern.

Warst tot und bist zurückgekehrt,

weil eine Hand dich zurückgezogen,

eine Stimme dich zurückgerufen hat.

Nyema lachte oft, wenn sie sprach.

Ich glaube, es war ihre Heiterkeit,

die mir bewußt werden ließ, daß es an jenem Morgen

unter der Gipfelpyramide des Phur-Ri

wohl nicht die Worte meines Bruders gewesen waren,

die mich ins Leben zurückbefohlen hatte,

sondern sein Lachen.

Er hielt mich in seinen Armen

und lachte, rief lachend es schneit!

Es schneit Schmetterlinge! Steh auf!

Es war, als ob sich erst in diesem Lachen

auch alle anderen Geräusche und Worte

wieder aus der vollkommenen Stille lösen durften:

Das Kreischen eines Steigeisens

auf dem vom Eis glasierten Fels,

das Klingen des Blutes in meinem Kopf,

unser Atemgeräusch,

das in der dünnen Luft dieser Höhe

dem Hecheln von Tieren glich.“

Leseprobe: Der fliegende Berg

Über den Autor: Christoph Ransmayr

Rezension: NR. 87
[ssba]
4. März 2008

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