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David Safier: Mieses Karma

Zu zwei Erkenntnissen bin ich nach dem Lesen dieses Romans gekommen: 1. Leichte Kost muss nicht banal sein. 2. Ich werde nie wieder eine Ameise zertreten.

„Mieses Karma“ behandelt ein ernsthaftes Thema: Was passiert mit uns, wenn wir gestorben sind? Klar, die einen kommen in den Himmel, die anderen in die Hölle, andere nach Walhalla. Doch wohin gehen wir ohne religiösen Background? In diesem Fall tritt Buddha und die Wiedergeburt auf den Plan, denn er bestraft „nicht die Ungläubigen für ihren Unglauben“. Und genau das passiert der konfessionslosen Kim, die von einem Waschbecken einer Raumstation erschlagen wird und als… Ameise wiedergeboren wird. Als Ameise? Eine der eher niedrigeren Lebensformen? Kim ist in ihrem Leben an sich kein schlechter Charakter gewesen, ansonsten wäre sie wohl als Darmbakterie wiedergeboren worden. Kim ist mit Alex verheiratet, die beiden haben eine entzückende kleine Tochter und wohnen in einer Villa in Potsdam. Klingt nach einem perfekten Leben. Fast.

Kim Lange ist eine erfolgreiche und bekannte TV-Moderatorin und widmet ihr Leben ausschließlich der Karriere („Die, die über Leichen geht und dabei auch noch nachtritt“), was für’s Privatleben nicht grad förderlich ist. Und so sammelt sich im Laufe der Jahre einiges an schlechtem Karma zusammen: keine Zeit für Tochter Lilly, die Kollegin aus dem Team gemobbt, Zerwürfnis mit der besten Freundin, Sex mit dem TV-Beau Daniel,… und dann wird Kim einfach so erschlagen und stirbt wegen einem Waschbecken, das vom Himmel fällt. „Was für eine bescheuerte Art zu sterben!“, denkt sich noch Kim, bevor ihr Leben vor ihren Augen vorüber zieht und sie das berühmte Licht am Ende des Tunnels erblickt. Doch das Licht stößt sie ab und Kim steht plötzlich einer dicken Ameise gegenüber:

„“Buddha“, sagte die dicke Ameise, „Buddha ist der Name, unter dem du mich sicherlich besser kennst.“

Ich hatte von Buddha keine allzu große Ahnung, vielleicht hätte ich bei dem film besser aufpassen sollen, anstatt darüber nachzudenken, dass Keanu Reeves mit nacktem Oberkörper zum Anknabbern aussieht. Aber eins wusste ich ziemlich genau:

„Buddha ist keine Ameise.“

„Ich erscheine in der Form, in dem die Seele des Menschen wiedergeboren wird. Du bist als Ameise wiedergeboren worden. Also erscheine ich dir als Ameise.“

„Wiedergeboren?“, stammelte ich.

„Wiedergeboren“, bestätige Buddha.°

[…]

„Wenn … wenn du Buddha bist und ich wiedergeboren wurde … warum als Ameise?“

„Weil du es nicht besser verdient hast.“

„Was soll das heissen? Etwa, dass ich ein schlechter Mensch war?“, sagte ich empört. Ich konnte es noch nie ausstehen, wenn man mich beleidigt.

Buddha schaut mich nur stumm lächelnd an.

„Diktatoren sind schlechte Menschen“, protestierte ich, „Politiker, meinetwegen auch noch die Programmplaner beim Fernsehen, aber doch nicht ich!“

„Diktatoren werden auch als etwas anderes wiedergeboren“, entgegnete Buddha.

„Und als was?“

„Als Darmbakterien.“

Während ich mir noch ausmalte, wie Hitler und Stalin sich in Enddärmen tummelten, sah mir Buddha tief in meine drei Strinaugen: „Aber Menschen, die zu anderen nicht gut waren, kommen als Insekten neu auf die Welt.“

° Aus Casanovas Erinnerungen: Als mir Buddha vor Jahrhunderten eröffnete, dass ich fortan mein Leben als jämmerliche Ameise fristen müsste, bedrückte mich ein schrecklicher Gedanke am meisten: Ich würde nie wieder leidenschaftliche Liebesnächte erleben.

Wer will schon sein Leben als Ameise fristen, vor allem, wenn einem seine Vorgeschichte als Mensch in Erinnerung geblieben ist? Kim muss nun gutes Karma sammeln, damit sie ihr Nirwana erreichen kann. Doch wie gutes Karma sammeln, wenn sie als Ameise keine Lust hat, Gummibärchen durch die Gegend zu schleppen und voll mit egoistischen Gedanken ist? Und so krabbelt Kim die Reinkarnationsleiter rauf und runter – mit dem Ziel bei ihrer Familie zu sein.

Und die Moral von der Geschicht‘: Was das Leben ausmacht – Fernsehpreis und Kleidergröße 36 sind es nicht. Und: Nirwana gibt’s auch im Diesseits.

Es gibt Bücher, bei denen macht man sich nach den ersten Seiten Gedanken darüber, wie es wohl ausgeht; wie das zu anfangs gestellte Problem zu knacken ist. Und dann schaut man, dass man schnell zur Lösung kommt. „Schlechtes Karma“ ist so ein Buch, leider deshalb viel zu schnell ausgelesen… David Safier erzählt flott, ein bisschen philosophisch und mit viel Weisheit, ungemein witzig und mit einem Spritzer Romantik. Stoff, der zumindest gelesen und auch verfilmt gehört!

Leseprobe „Mieses Karma“

 

Rezension: NR. 111
21. Juli 2008

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