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Ewald Arenz: Der Duft von Schokolade

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Romantiker aufgepasst: Eine Wiener Melange mit süss-bitteren Herz-Schmerz, die an Chocolat erinnert und mit einer Prise aus Süskinds Parfum gewürzt ist, kann hier von Freunden olfaktorischer Liebesgeschichten genossen werden.

Frühling 1881: Leutnant August Liebeskind quittiert nach zehn Jahren seinen Dienst in der k. u. k. Armee. Er war nicht ungern Soldat gewesen, fühlte sich jedoch nie als solcher richtig wohl. Als er nun auf der Mariahilfer Straße steht, seit langem frei, weiß er noch nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll. Er lässt sich ziellos durch Wien treiben und überlässt die Führung hauptsächlich seiner Nase. August geniesst sein Dasein im Demel, zwischen den Düften frisch zubereiteten Kaffees, Zigarrenrauch (den einzigen Duft, den man sehen kann) und Wiener Mehlspeisen, und begegnet Elena Pallfy, einer selbstbewussten, spöttischen und noch dazu verheirateten Person. Durch Zufall treffen sich die beiden immer öfter und August beginnt sich in Elena zu verlieben. Das Glück währt einen Sommer, denn Elena fällt einem Brand im Wiener Opernhaus zum Opfer. Erst diese Tragödie führt August auf den Weg seiner wahren Bestimmung, nämlich die eines Chocolatiers. Sein raffiniertes Konfekt und ungewöhnlichen Pralinés sind bald in ganz Wien sehr gefragt.

August hat, wie manch andere ein absolutes Gehör haben, einen absoluten Geruchssinn. Nicht nur, dass der sensible und zurückhaltende Held die feinsten Gerüche wahrnehmen und zuordnen kann, zudem lösen Gerüche vor seinem geistigen Auge Bilder aus.

»Zimmet. Zibeben. Zucker. Roter Zucker. Blauer Zucker. Gelb. Vanillons. Weinstein. Tragant…«

»Getrocknete Marillen. Datteln. Feigen…« August las weiter und zog die Schubladen eine nach der anderen auf. Die Vertrautheit, wie sie an dem Tag am See zwischen ihnen gewesen war, kehrte in der Stille der leeren Küche zurück. Auf einmal fühlte er sich ihr wieder näher.

»Kommen Sie her!« sagte er, als er ein Fach mit Fläschchen gefunden hatte, »riechen Sie. Jeder Duft ist … wie eine … eine andere Welt.«

Sie sah ihn an und ihre Brauen gingen in schönem Bogen nach oben.

»Ja«, sagte August verlegen, »wie eine Welt. Hier!«

Er hatte zwei Fläschchen entkorkt. Sie beugte sich über eines und atmete den Duft ein, der den Raum zu füllen begann.

»Rosenöl«, sagte er, »zehntausend Pfund Blüten für ein Pfund Öl. Und Marzipan … draußen ist es schon so kalt wie jetzt und die Tage werden kurz. Man kommt mit rotgefrorenen Händen in die Küche und da sitzen die Mädchen und knacken Mandeln. Sie sitzen am Herd und erzählen sich von ihren Liebsten und von ihren Träumen, und der Sack mit den Mandeln wird nach und nach leer. Im Herd prasselt es, können Sie hören, wie es prasselt, wenn man die Mandelschalen hineinkehrt?«

»Nein«, sagte sie kühl.

August sah überrascht auf.

»Erzählen Sie mir nichts von dem, was ich vielleicht hören will,« sagte sie, »keine Märchen, nichts Fremdes, diesmal. Ich will … ich will die wahren Geschichten. Erzähl mir von deinen Düften.«

Deine Düfte … sie stand vor ihm und wartete. August dachte daran, wie es als Kind war und dann hörte er auf, sich zu wehren, stellte die Fläschchen weg, zog eine andere Schublade auf und ließ die ersten Bilder kommen.

[…]

Augusts Gesicht brannte in der Erinnerung, aber Elena stand da und hörte zu.

»Manchmal«, sagte er stockend, als er an den Schubladen entlang ging und mit dem Finger die Emailleschilder berührte, »manchmal sehe ich den Düften Geschichten an.«

»Was für Geschichten?«, fragte sie. Ihre Stimme war ein wenig rauh.

»Ich weiß es nicht«.

Er hatte seit seiner Kindheit niemandem mehr davon erzählt. »Düfte sind Bilder, seit ich denken kann. Es ist, als ob…« er redete auf einmal hastig und leise, »…es ist so, als ob an manchen Menschen die Düfte hängen bleiben und mit ihnen die Geschichten.«

„Der Duft von Schokolade“ ist ein leichter und zügig zu lesender Roman, mit allen sinnlichen Raffinessen und Metaphern ausgestattet. Dem Autor gelingt es, Atmosphäre zu schaffen und starke Emotionen feinsinnig anzurichten.

Rezension: NR. 167
17. März 2010

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