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Hannah Green: Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen

Was auch immer Deborah dazu bewogen hat, sich – zugegeben etwas halbherzig – die Pulsader aufzuschneiden. Als ihre Eltern merken, dass dies mehr als nur ein Hilfeschrei der 16 jährigen ist, weisen sie ihre Tochter in eine Psychiatrie – eine Irrenanstalt, wie man in den 1940ern zu sagen pflegte -, ein. Hannah Green erzählt mit Hilfe der Protagonistin ihre autobiografische Geschichte über ein Mädchen, dessen Befund „Schizophrenie“ lautet, und die sich auf den mühsamen Weg macht, nicht krank zu sein sondern gesund zu werden. Ein packender und berührender Bericht einer Heilung. Nichts für schwache Nerven.

Die Irrenanstalt präsentiert sich wie wir sie uns in unseren schlimmsten Alpträumen vorstellen: Je nach Stärke der psychischen Krankheit werden die Insassen auf Stockwerke aufgeteilt. Das schlimmste ist natürlich das oberste – „die Geschlossene“. Vergitterte Fenster, ins Mark und Bein fahrende Schreie, unkontrollierte Gewalt mit Psychopharmaka nieder gehalten, frustrierte Pfleger, ungeschulte Schwesterschülerinnen, verständnislose Ärzte. Der Roman, der 1964 publiziert wurde, läßt uns durch Deborahs Augen in die andere Seite der Gitter und Mauern schauen – in eine amerikanische Psychiatrie während der 1940er Jahre.

Deborah, die sich bereits während ihrer Kindheit mehr und mehr von der uns bekannten Realität weg bewegt, lebt mehr in ihrer Parallel-Welt „Yr“ mit der sie sich sogar in einer eigenen Sprache verständigt. Ihr Glück ist es, in der Psychiatrie auf die Ärztin Dr. Fried („Furii“) zu stossen. Mit viel Geduld und Zeit arbeiten die beiden Vergangenes auf und Vertrauen in die Realität auf, wobei Deborah oft zwischen den beiden konkurrierenden Welten zu verbrennen droht.

„Deborah sah, wie das Streichholz trockenes Holz anzündete.

„Was nützt mir Ihre Wirklichkeit, wenn Gerechtigkeit scheitert und Unehrlichkeit vertuscht wird und diejenigen, die Wort halten, leiden? Hellen hat ihr Versprechen wegen Ellis gehalten und ich auch. Was ist denn Ihre Wirklichkeit wert?“

„Hör mal“, sagte Furii, „ich habe dir keinen Rosengarten versprochen. Ich hab dir nie vollkommene Gerechtigkeit versprochen…“ (Sie erinnerte sich plötzlich an Tilda, die aus der Klinik in Nürnberg ausgebrochen war, in der Hakenkreuzstadt verschwunden war und zurückkam und lachte und lachte, die krächzende Parodie eines Gelächters: „Scholem Aleichem, Frau Doktor, die sind verrückter als ich!“)“ … und ich habe dir nie Frieden oder Glück versprochen. Ich helfe dir, damit du selbst frei wirst, für alle diese Dinge zu kämpfen. Die einzige Wirklichkeit, die anzubieten habe, ist eine Herausforderung, und gesund sein heißt frei sein, sie anzunehmen oder nicht, auf welcher Ebene du auch immer dazu fähig bist. Ich verspreche niemals Lügen, und die Rosengartenweltperfektion ist eine Lüge… und außerdem langweilig!“

„Werden Sie es in der Besprechung sagen – das mit Helen?“

„Ich habe gesagt, ich werde – und ich werde, aber ich verspreche nichts.“

Dieses Buch ist kein leichter Zeitvertreib. Es ist aber auch – und man könnte dies bei diesem Thema erwarten – nicht schwermütig oder trübsinnig. Es ist ein bewegender Bericht- mit tragisch-komischen Situationen -, der Mut und Hoffnung vermittelt.

Rezension: NR. 126
[ssba]
6. April 2009

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