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Helene Hegemann: Axolotl Roadkill

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Zum ersten Mal in diesem Bücher Blog muss ich auf den Klappentext verweisen, denn ich bin – auch nach mehreren Anläufen – mit diesem Buch nicht weiter gekommen als bis zur Seite 52. Liegt’s am Alter oder am Lebenswandel – ich konnte dem Buch nichts abgewinnen.

„Axolotol Roadkill“ ist der Debütroman der noch jungen, deutschen Autorin Helene Hegemann. Sie selbst beschreibt in einem Spiegel-Interview diesen Roman so: „Das ist ja kein Tagebuch oder ein aus Überdruck entstandener Bekenntnisroman. Es ist ein Experiment.“ Mehrere Warnungen geistern durch das Internet, die eigentlich ein Buch reizvoller machen sollten: Von Unlesbarkeit ist die Rede und dass einige Passagen schlicht und einfach von der Bloggerszene geklaut worden seien und dass es trotzdem ein „diskussionswürdiges Buch“ sei. Der Roman folgt definitiv keinen schriftstellerischen Konventionen, somit tut man sich auch mit einer Beschreibung irgendwie schwer. Es gibt zumindest eine Protagonistin. Mifti ist 16, nimmt alles, was Gott verboten hat, verweigert die Schule und zerstört sich selbst. Sie hadert mit ihrer toten Mutter, ist depressiv – kurz: sie ist ein Problemkind der üblen Sorte.

Obwohl intelligent und gut situiert, nimmt sie Drogen, verweigert die Schule und hat sogar Argumente dafür. Anstatt sich an Konventionen abzuarbeiten hinterfragt und analysiert sie nämlich permanent die gesellschaftliche Situation, in der sie sich befindet. Sie wohnt bei ihren wohlstandsverwahrlosten Halbgeschwistern und steckt noch immer in seiner frühkindlichen Allmachtsphase. Freiheit und Selbstzerstörung fallen zusammen und Mifti entlarvt in ihren von Wahn und Genie geprägten Zwischenwelten Sprache, Lebensentwürfe und Vorgegebenheiten der Erwachsenen. Sie kokettiert mit ihrer Kaputtheit und sucht im „allgemeinen Dahinschimmeln“ nach einem Zugriff auf ihr eigenes Leben“. (Klappentext)

Mifti ist ein Großstadtkind unserer Zeit und das Buch voll von ihren Gedanken, Dialogen mit anderen Personen, Zitaten und SMS-Nachrichten. Es geht darum, wie eine depressive, selbstzerstörerische Jugendliche die Welt von ihrer Sicht sieht. Logisch, dass dann Drogen und Sex die hauptsächlichen Themen sind und dabei Wörter wie „Alter“, „geil“, „fuck“ und was weiß ich noch, vorkommen. Man bekommt ein Gefühl, warum Mifti so ist wie sie ist, hat aber eigentlich kein Mitleid, weil irgendwie jede Hilfe ohnehin zu spät käme und weil sie sich auch nicht helfen lassen will. Das Ganze wird sehr intuitiv, teilweise in langen, konstruierten Sätzen erzählt und mit der Sprache einer Jugendlichen umgesetzt. Soweit mein Eindruck von diesem Buch.

Ich bin sechzehn Jahre alt und momentan zu nichts anderem mehr in der Lage, als mich trotz kolossaler Erschöpfung in Zusammenhängen etablieren zu wollen, die nichts mit der Gesellschaft zu tun haben, in der ich zur Schule gehen und depressiv bin. Ich bin in Berlin.

Es geht um meine Wahnvorstellungen.

Unfassbar, wie ich mich hier schon wieder auf cognacfarbenen 9-cm-Absätzen dem ganzen Scheiß aussetze, Industriegebiet natürlich, von weitem sieht man ein ehemaliges Heizkraftwerk, in dem es sich in spätestens einer halben Stunde diesem Zwang zur Selbstvergessenheit auszusetzen gilt. Ich bewältige einen von Neonröhren umzäunten Weg, der als der geilste der Welt gilt und mich aus einem mir unerfindlichen Grund nie interessiert hat. Ich finde meine dissoziative Identitätsstörung interessanter als alles, was diese Stadt mir ununterbrochen ins Gesicht kotzt. Vor einem Securitychef, der Syd heißt und drei Meter groß ist, tue ich so, als würde ich auf der Gästeliste eines Barkeepers stehen, der tagsüber mit zeitgenössischen Kohlezeichnungen die verwirrenden Ansichten unserer urbanen Welt darzustellen versucht. Damit umgehe ich eine kilometerlange Schlange von overstylten Dreiundzwanzigjährigen aus geregelten familiären Zusammenhängen, in deren Augen ich kein Mensch bin, sondern ausschließlich underdressed und wankelmütig. Orale Inkontinenz. Mir wird Scheiße in die Fresse gefeuert. Ich bin eine motherfucking unmoralisch handelnde Fotze und soll auf mein Leben klarkommen, Alter.

Interessant und irgendwie auch fragwürdig sind die Kundenrezensionen bei Amazon, wo einige Rezensenten ziemlich hart ins Gericht mit der jungen Autorin gehen (ohne dabei eine wirkliche Inhaltsangabe abzugeben…). Nun, ich kann zwar mit „Axolotl Roadkill“ ebenfalls nichts anfangen, was aber da so geschrieben steht, muss auch nicht wirklich sein. Dass ein junger Mensch ein Buch schreibt und dabei logischerweise Konventionen bricht, provoziert und dabei seine Sprache verwendet, find ich mutig und ok.

Rezension: NR. 200
24. Oktober 2010

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