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Henning Mankell: Kennedys Hirn

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„Kennedys Hirn“ ist ein weiterer Afrika-Roman vom schwedischen Autor Mankell und ist ein bisschen Detektivgeschichte und gesellschaftskritischer Krimi – aber vor allem ist er ein tiefenpsychologisches Drama. Mankell verbindet in diesem Roman die Trauerarbeit einer Mutter mit Verschwörungstheorien über die dunklen Machenschaften von Pharmakonzernen und führt den Leser dabei um die halbe Weltkugel.

Louise Cantor ist 54, arbeitet als Archäologin in Griechenland, ist geschieden und hat einen Sohn. Als sie beruflich zurück nach Schweden muß, möchte sie natürlich auch ihren Sohn Hendrik besuchen. Als aber Louise seine Wohnung in Stockholm betritt, sieht sie Hendrik tot in seinem Bett. Die Trauer über den Verlust ist für sie nicht mehr faßbar und schon deswegen sträubt sie sich, an einen Selbstmord ihres Sohnes zu glauben. Sie begibt sich auf den Spuren ihres Sohnes und hofft der Wahrheit über seinen Tod näher zu kommen. Ihr Weg führt sie von Schweden nach Barcelona, Sydney und Mosambik, und je mehr sie ihre Zeit in Flugzeugen verbringt, desto mehr dämmert es ihr, dass sie Hendrik – trotz des innigen Verhältnisses – kaum kennt. Wechselnde Bekanntschaften, längere Reisen nach Asien und Afrika, Studien über politische Machenschaften, eine Wohnung in Barcelona und schließlich seine HIV-Infektion – von dem allen weiß Louise zunächst nichts und erst nach vielen tausend geflogenen Kilometern gewinnt das Bild des Sohnes an Schärfe.

Als Louises Spurensuche sie nach Afrika, nach Maputo, führt, teilt uns Mankell auch endlich mit, um was es ihm in dieser Geschichte geht, nämlich um das (gängige) europäisches Bild über den schwarzen Kontinent:

„Was wußte sie wirklich über den schwarzen Kontinent? Wo war Afrika in ihrem Bewußtsein? In den Jahren ihres Studiums war der Kampf gegen die Apartheid in Südafrika Teil der umfassenden Solidaritätsbewegung gewesen. Sie hatte sich an vereinzelten Manifestationen beteiligt, ohne jedoch mit ganzem Herzen dabeizusein. Nelson Mandela war für sie eine rätselhafte Gestalt von nahezu übermenschlichen Fähigkeiten, wie die griechischen Philosophen, von denen sie in ihren Lehrbüchern gelesen hatte. Afrika gab es eigentlich nicht. Es war ein Kontinent der verschwommenen, oft unerträglichen Bilder. Tote, aufgedunsene Körper, der Kontinent der Leichenhaufen. Fliegen, die die Augen hungernder Kinder bedecken, apathische Mütter mit versiegten Brüsten. Sie erinnerte sich an die Bilder von Idi Amin und seinem Sohn, herausgeputzt wie Zinnsoldaten in ihren grotesken Uniformen. Sie hatte immer gemeint, in den Augen von Afrikanern einen Haß zu sehen. Aber war es nicht vielmehr ihre eigene Angst, die sie in den dunklen Spiegeln entdeckt hatte?“

Erst weit nach der Hälfte beginnt Mankell mit der eigentlichen Geschichte. Louise versucht mit Hilfe einer ehemaligen Freundin ihres Sohnes die wahren Machenschaften einer „Mission“, einer Station, die sich angeblich um Aids-Erkrankte kümmert, aufzudecken. Der Initiator des Projekts ist so überhaupt nicht wohltätig, wie es die Welt darstellt. Mehr als um die Pflege von Kranken geht es ihm endlich einen Impfstoff gegen das Virus zu finden, um ihn – um viel, viel Geld – an die westliche Welt zu verkaufen.

Am Ende weiß zwar Louise mehr über das Leben ihres Sohnes, doch weiterhelfen tut ihr das nicht – im Gegenteil. Somit sind die letzten Seiten des Buches nicht wirklich befriedigend. Das Gefühl hervorzurufen, dass etwas erst beginnt, ist wohl Absicht des Autors:

„Zum Schluß: Ein Roman kann auf Seite 212 oder 397 enden, doch die Wirklichkeit geht unvermindert weiter. Was hier geschrieben steht, ist natürlich ganz und gar das Ergebnis meiner eigenen Wahl und meiner Entscheidungen. Genauso, wie der Zorn mein eigener ist, der Zorn, der mich antrieb.“

 

Rezension: NR. 117
[ssba]
9. Dezember 2008

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