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Herbert Becker: Big Dry

In Europa bricht Panik aus: es gibt keinen Tropfen Milch mehr, denn alle europäische Kühe haben aufgehört, Milch zu produzieren. Wissenschafter, Politiker und der Vatikan haben keine logische Erklärung für „Big Dry“. Nur ein irischer Bauer schafft es, dass seine sieben Kühe Milch geben. „Big Dry“ ist eine apokalytisch anmutende Geschichte, die so schräg ist, dass sie schon wieder realistisch wäre. Zu Beginn spielt der Roman an vier verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Charakteren. Was zuerst eher ein verwirrendes Lesevergnügen darstellt, entpuppt sich später zu einem raffiniertem und spannenden Plot rund um unser Rindvieh. Das Szenario könnte nicht schauerlicher sein: Ohne offensichtlichen Grund hören die europäischen Kühe auf, Milch zu geben.

Die Reaktionen auf diesen Alptraum sind unterschiedlich: Das bayerische Landwirtschaftsministerium schickt Max Portfeld nach Indien, um dort Kühe einzukaufen. Der Vatikan versucht, Kapital aus diesem Übel zu schlagen, um den steigenden Kirchenaustritten entgegenzutreten. Die Medien probieren es mit einem selbst ernannten Retter, der zugleich der Teufel ist. Nur Seamus O’Mally, ein alter, irischer Bauer mit Seher-Qualitäten, kann seine Kühe melken. Aber damit ist das Problem noch lange nicht gelöst, denn die wahre Apokalypse steht am Ende des Buches erst in den Startlöchern….

„Jesus hat sich kreuzigen lassen und damit bewiesen, dass er uns liebt.“ Damit sagte Pater Padraig etwas, was er schon oft in seinen Predigten gesagt hatte.
„Er hat sich kreuzigen lassen“, wiederholte Seamus. „Aber das ist zweitausend Jahre her. Seitdem haben die Menschen viel falsch gemacht. Wir haben aufgehört, die Schöpfung zu achten.“
„So, haben wir das?“ Der Pfarrer nahm einen Schluck und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Erklär mir das näher.“ In der linken Hand hielt er sein Whiskeyglas, mit der rechten lockerte er seinen weißen Priesterkragen.
Auch die beiden anderen setzten sich.
„Na, die Kühe zum Beispiel.“ Seamus war etwas unsicher geworden, denn er merkte, dass der Pater ihn nicht ernst nahm.
„Ja?“
„Das Einzige, was heutzutage an den Kühen interessiert, ist, wie viel Milch sie geben. Oder wie man sie möglichst schnell schlachtreif kriegt. Mit anderen Worten: Wie man so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich aus ihnen rausholt. Man darf ihnen aber nicht immer bloß was wegnehmen, ohne ihnen etwas zurückzugeben. Sie haben ein eigenes Leben. Und Gefühle.“
„Gefühle? Sind also beleidigt? Oder vielleicht gar in ihrer Ehre verletzt?“
„Das weiß ich nicht. Aber sie haben Angst.“

Herbert Becker hat mit „Big Dry“ einen spannenden Roman mit hintergründigem Ernst geschaffen, der mit viel Ironie den Vatikan, Medienwelt und unserer Gesellschaft kritisiert, ohne dabei den gewohnten Plattitüden zu verfallen. Er regt zum Nachdenken über unser Verhalten gegenüber unserer Umwelt – insbesondere den Kühen – an und zeigt auf, wie wir in den Netzen von Religion, Politik und Wirtschaft gefangen sind.

Rezension: NR. 42
[ssba]
25. Juni 2007

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