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Johannes Witek: Voltaires Arschbacken

Voltaires Arschbacken von Johannes Witek
Voltaires Arschbacken von Johannes Witek

Der Salzburger Johannes Witek ist bis jetzt durch seine Gedichtbände aufgefallen, die man nicht allein wegen ihrer einfallsreichen Titel gelesen haben sollte: „Was sie im Norden der Insel als Mond anbeten, kommt bei uns im Süden in die Sachertorte“ oder der Gedichtband „Gebete an den Alligator und die Klimaanlage„, den wir bereits auf diesem Blog vorgestellt haben. „Endlich ein Roman“ ist bezeichnenderweise der Untertitel zu seinem neuen Buch und gleichzeitig ersten Roman „Voltaires Arschbacken“, das ebenfalls allein durch Titel und Umschlaggestaltung neugierig macht.

Die ersten drei Kapitel des Romans sind sehr knapp gehalten. Innerhalb einer Minute ist man beim Vierten angelangt, bereits mitten in der Geschichte und schon ein bisschen ungeduldig, wie sich die Handlung weiter entwickelt. Der Journalist Nikolaus Peternella verlässt seine Wohnung, seine Lebensgefährtin, ihre Katze und seine Nemesis, den Hautarzt Dr. Eigenstuhler, um in das kleine, österreichische Dorf Bad Subenzipfel zur reisen. Von seiner Redaktion hat er den Auftrag, den dort lebenden Schriftsteller Wolfgang Maria Peter zu interviewen. Peter, der bisher jegliche mediale Öffentlichkeit erfolgreich blockiert hat, lebt zurückgezogen und allein auf einem Bauernhof. Als Peternella sein Zimmer in der Pension „Seeblick“ bezieht, ist die ländliche Idylle noch so wie man sie sich postkartenmäßig vorstellt: schön.

Nach ein paar Stunden hat es sich mit der Idylle. Das Dorf, in dem er gelandet ist, entpuppt sich als ein locus terribilis mit fetten, glatzköpfigen Männern, hageren Frauen und entstellten Verrückten. Vor diesem Hintergrund erscheint der exaltierte Schriftsteller Peter noch relativ harmlos: Er artikuliert sich ausschließlich in schreiender Form, schlägt mit Vorliebe seinen Hund und steht mit seinem Nachbarn, dem Nazikommunisten und Bildhauer Prrhrrwcz (hier hat sich kein Tippfehler eingeschlichen!) auf Kriegsfuß. Zudem hat der Schriftsteller auch noch mit dessen Frau ein Verhältnis. Als Peternella in Peters Auftrag die Blumenbeete des Bildhauers mit Kuhmist zuschütten muss, und als Folge davon Peters Haus verwüstet wird, bekommt der Schriftsteller Angst. Er fordert Peternella auf, ihn in die Stadt mitzunehmen. Als Gegenleistung verspricht er dem Journalisten die Exklusivrechte an seinem letzten Werk, dem opus magnus „Voltaires Arschbacken“.

„Sie arbeiten?“, fragte ich vorsichtig. „Wollen Sie damit sagen? Prrhrrwcz hat recht? Sie schreiben an einem Stück?“

Peter blieb stehen und starrte mich an. Er hatte noch nie so irre ausgesehen wie in diesem Moment.
„VOLTAIRES ARSCHBACKEN!“, sagte er.

„Was?“, sagte ich.

„VOLTAIRES ARSCHBACKEN! Das ist der Titel. Unsterblich, nicht?“

„Würden Sie nicht jedes Stück sehen wollen, das so heißt? Würden Sie nicht sogar, wenn man es bei Amazon nicht bekommen kann, sich extra die Mühe machen und auf die Seite des Verlages gehen, um es dort direkt zu bestellen, bei einem Buch, das so heißt?“

„Na ja.“

„Eben. Eben!!! Das wird der österreichischen Dramatik den Todesstoß versetzen. Ach was, danach wird es ÜBERHAUPT keine Dramatik mehr geben. Geben können! Ich begrabe das Theater mit mir und meinem Werk. Ich schließe es ab. Besser wird’s nicht mehr. So.“

„Aha?“

„Voltaires Arschbacken“ ist eine Satire über die Schriftstellerei im Dunstkreis von Saufereien und Fressereien. In welche Trickkiste können Autoren greifen, um ihr Buch an die Leser zu bringen: Ist es die mediale Distanz, um für die Öffentlichkeit ein interessantes und unnahbares Image zu pflegen? Oder originelle Buchtitel? Oder sind es skurril-absurde Szenen? Und was soll das Ganze überhaupt?

„Die psychologische Spannung, der dramatische Impetus! Ich sag Ihnen, das wird ein Klassiker – ein großer, bisher schmählich unbeachteter Moment Weltliteratur in moderner Inszenierung. Alles was ich weiß, all meine Kunst, all mein Können hab ich in diesen Moment gesteckt.“

Witek nimmt seine Berufskollegen und auch sich selbst ein bisschen auf die Schaufel. Allein das macht den Stoff aber nicht amüsant. Es ist seine Sprache, die den Leser immer etwas auf Distanz zum Geschehen hält und seine schlagfertigen Formulierungen, die einen zum Lachen bringen. „Voltaires Arschbacken“ ist ein gerissener, pfiffiger, schlichtweg gelungener Roman.

„Voltaires Arschbacken“ ist im Chaotic Revelry Verlag erschienen und kann dort direkt bestellt werden.

Rezension: NR. 303
2. Juli 2013

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