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Leonie Ossowski: Espenlaub

Billis Seitesprung mit dem jungen, feschen Mann Ariel stürzt nicht nur sie selbst in ein emotionales Chaos sondern gleich die gesamte Familie ihres Verlobten Lorenz. Tief vergrabene und gut behütete Geheimnisse kommen an die Oberfläche, das Schweigen über eine dunkle längst vergessene Zeit in Lorenz Familiengeschichte wird gebrochen. Und das nur, weil Ariel Jude ist. Lorenz erschrickt vor sich selbst, als er merkt, dass er nicht nur wegen des Seitensprunges zornig ist sondern auch wegen der Abstammung seines Widersachers. Es hätte so schön sein können: Billi wird von Lorenz gefragt, ob sie ihn heiraten möchte. Lorenz wird die Tierarztpraxis seines Chefs übernehmen, die Wohnung über der Praxis steht leer, einem trauten Familienleben steht nichts im Weg. Doch Billi geht das zu schnell und ist unsicher. Sie begegnet dem unbeschwerten und spontanen Marionettenspieler Ariel und Billi lässt sich gefangen nehmen von seiner träumerischen und romantischen Art. Sie verlieben sich und schlafen miteinander. Lorenz kriegt Wind von der ganzen Sache und die ménage à trois ist perfekt: es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Lorenz und Ariel in einem Lokal. Lorenz geht auf Ariel los, schlägt auf ihn ein, beschimpft und beleidigt ihn als Judenschwein. Als Lorenz bewußt wird, was er getan hat, ist es zu spät: Jeder weiß davon – auch seine Mutter. Sie bittet ihn zu ihr zu kommen.

„Ich muss mit dir reden, sagt sie.
Nein, sagt er zögernd, alle wollen mit mir reden. Ich hab die Schnauze voll.
Ines bleibt hartnäckig, steckt ihr schmutziges Taschentuch weg, faßt Lorenz am Revers seines Jacketts und schüttelt ihn, so gut sie kann, hin und her. Was alle wollen, interessiere sie nicht, sagt sie, was sie ihm zu sagen habe, sei etwas andere und ginge nur ihn, sie und die Großeltern etwas an.
Es geht nicht um die Schlägerei in der Kneipe?
Das ist nur der Auslöser, sagt Ines und zieht Lorenz hinter sich her in die Küche ihrer Wohnung. Der Tisch ist gedeckt. Ein Teller mit belegten Broten steht da, Obst und eine Thermoskanne voll Kaffee, eine Flasche Sprudel, Apfelsaft, Kuchen und Plätzchen. Das ist ja Proviant für eine ganze Nacht, staunt Lorenz und sieht seine Mutter fragend an.
Die brauchen wir auch, sagt Ines und legt den Zeitungsartikel auf den Tisch, streicht ihn glatt und liest laut die Stellen vor, die Lorenz‘ antisemitische Äußerungen wiedergeben, seine Schimpfworte, Beleidigungen und vor allem den Satz: Wir brauchen in Worms keine Juden mehr, hau ab und geh dort hin, wo du hingehörst.“

Ines beginnt ihre Vergangenheit zu erzählen und krempelt damit Lorenz’ Leben derart um, dass er darauf mit den geliebten Großeltern bricht. Über ein halbes Jahrhundert spannt sich die Familiengeschichte, die lebendig und ergreifend von der Autorin erzählt wird. Leonie Ossowski läßt auch die anderen Hauptakteure – Lorenz‘ Großeltern – zu Wort kommen und macht die Erzählung dadurch noch authentischer.

„Espenlaub“ ist ein anspruchsvoller Unterhaltungsroman mit Antisemitismus als Thema, der (leider) immer noch eine nicht zu unterschätzende Rolle in unserer Gesellschaft spielt. Gleichzeitig gewährt die Erzählung vielschichtige Einblicke in eine der dunkelsten Zeit unserer Geschichte.

Espenlaub: Leseprobe

Rezension: NR. 59
3. September 2007

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