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Lloyd Jones: Mister Pip

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Auf Bougainville, einer kleinen Insel im Pazifischen Ozean, herrscht in den frühen 1990er Jahren Bürgerkrieg. Zwischen Palmenstrand und Dschungel kämpfen die Rebellen mit den Rothaut-Soldaten Papua-Neuguineas um die Autonomie der Provinz. Die Weißen haben die Insel bereits verlassen. Die Geschichte beginnt mit der Blockade, die die Regierung gegen die Insel verhängt. Es ist das 13-jährige Mädchen Matilda, die uns von einem von der Außenwelt abgeschottetes Leben erzählt, in dem Hubschrauberflüge das Vogelgezwitscher durchbrechen, die Generatoren nicht mehr rattern, weil kein Benzin mehr da ist, das sie antreibt, in dem es keine Medikamente für die Malaria-Kranken mehr gibt und die Kinder zu Hause bleiben, weil die Lehrer bereits geflüchtet sind. Matilda beginnt mit der Schilderung des einzigen weißen Mannes auf der Insel. Mr. Watts oder Pop Eye, wie er von den Insulanern genannt wird, ist ein seltsamer Mann: immer mit einem weißen, zerknitterten Leinenanzug bekleidet, zieht er seine schwarze Frau Grace auf einem Karren durchs Dorf. Und doch ist es er, der die Dorfkinder zu unterrichten beginnt und ihnen mehr beibringt als Addition und Rechtschreibung. Zusammen mit Mister Pip gelingt es ihm, die Zeit des Krieges für die Kinder erträglicher zu machen. Die Schule muss erst von Lianen und Spinnweben befreit werden, bevor Mr. Watts in der ersten Schulstunde seine Worte an die Schüler richtet. Zunächst erklärt er ihnen, dass er eigentlich kein Lehrer sei, und dass er eigentlich den Schülern nur einen gewissen Mr. Dickens vorstellen kann. Die Kinder und auch die Erwachsenen sind erwartungsvoll: Wer ist dieser Mr. Dickens? Wird er Benzin und Medikamente bringen? Nein, es ist mehr, was Mr. Watts den Kindern offenbart: Es ist die Welt der Worte und die Macht der Fantasie, die er den Kindern mit Dickens „Große Erwartungen“ näher bringt. <br />
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<blockquote>Während der Blockade durften wir weder Brennstoff noch Kerzen verschwenden. Aber als die Rebellen und die Rothäute nicht aufhörten, sich gegenseitig abzuschlachten, hatten wir einen anderen Grund uns unter dem Mantel der Dunkelheit zu verkriechen. Mr. Watts hatte uns Kindern eine neue Welt geschenkt, um die Nacht darin zu verbringen. Wir konnten an einen anderen Ort entfliehen. Es machte nichts, dass es das viktorianische England war. wir fanden unseren Weg dorthin ganz leicht. Nur die verflixten Hunde und die verflixten Hähne versuchten uns zurückzuholen.<br />
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Die Kinder sind von ihrem Lehrer begeistert, Matildas Mutter Dolores dagegen weniger. Es ist wohl die Eifersucht auf den Lehrer, der Matilda etwas gibt, bei dem die Mutter nicht partizipieren kann, die sie dazu treibt gegen den Lehrer zu querulieren. Und nicht nur, dass es nun für Matilda immer schwieriger wird einen Ausgleich zwischen den beiden Polen (der bewunderte Lehrer vs. der geliebten Mutter) zu finden, das Dorf wird immer mehr in den Kampf zwischen Rebellen und Soldaten verwickelt. Die Lage spitzt sich zu und wird dann wirklich dramatisch. <br />
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Zunächst macht Matildas Geschichte einen verträumten Eindruck. Die Wiederbelebung der Schule, der fast komische Versuch, die Mütter am Unterricht einzubinden und Matildas Träumereien rund um Mister Pip lassen die drohende Gefahr noch am Rande verharren. Nur als später die stattfindenden Grausamkeiten ebenso einfach und schlicht beschrieben werden, beginnt der Leser zu ahnen, welche nachhaltigen Auswirkungen der Bürgerkrieg auf Matilda hat. Ein gutes, wenn auch beklemmendes Buch.<br />

Rezension: NR. 181
30. Mai 2010

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