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Margaret Millar: Liebe Mutter, es geht mir gut…

Stalking anno 1955: Helen bekommt sehr seltsame Anrufe von einer gewissen Evelyn Merrick, die behauptet, eine alte Schulfreundin zu sein und durch ihre Kristallkugel Helens Zukunft sehen zu können. Durch Drohungen und Voraussagungen verängstigt und der Panik nahe, beauftragt Helen den Anwalt ihres verstorbenen Vaters, Paul Blackshear, die Anruferin ausfindig zu machen. Der Anwalt geht vorerst nur ungern dieser Detektivarbeit ran, insbesondere weil Helen nicht gerade zu seinen liebsten Bekannten zählt. Auf den Spuren der Stalkerin entdeckt er immer mehr, mit welchem Scheusal er es wirklich zu tun hat.

Die Stimme war sanft, beinahe lächelnd: „Ist dort Miss Clarvoe?“

„Ja.“

„Wissen Sie, wer spricht?“

„Nein.“

„Eine Freundin.“

„Ich habe unzählige Freundinnen“, log Miss Clarvoe. Im Spiegel über dem Telefontischen sah sie ihren Mund die Lüge wiederholen, und sie freute sich darüber, während ihr Kopf eifrig bestätigend nickte – diese Lüge ist wahr, ja es ist eine sehr wahre Lüge. Nur ihre Augen wollten sich nicht überzeugen lassen. Verlegen blinzelten sie und schauten weg.

„Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen“, sagte die Stimme. „Trotzdem habe ich Sie immer irgendwie im Auge behalten. Ich habe nämliche eine Kristallkugel.“

„Ich – Sie haben was?“

„Eine Kristallkugel, in der man die Zukunft sehen kann. So eine habe ich. Alle meine alten Freunde tauchen von Zeit zu Zeit darin auf. Heute Abend waren Sie drin.“

Helen Clarvoe, 30, ledig und wohlhabend, wohnt in einem zweitklassigen Appartement in Hollywood. Durch ihre Überheblichkeit, Geiz und Arroganz ist sie für ihre Mitmenschen nur schwer zu ertragen. Auch von ihrer Mutter und ihrem Bruder hat sie sich distanziert, allenfalls wechselt sie in unregelmäßigen Abständen ein paar Phrasen am Telefon. Verbitterung und Einsamkeit bestimmen den Alltag.

Durch den unheimlichen Anruf der vermeintlichen Schulfreundin Evelyn muss Helen nun jemanden um Hilfe bitten, denn selbst herauszufinden, wer Evelyn ist, traut sie sich nicht zu. Als einziger kommt Paul Blackshear, ein pensionierter Anwalt, in Frage, der zögernd und mehr aus Mitleid den Auftrag annimmt. Eine Bemerkung Evelyns während des Anrufs ist der erste Anhaltspunkt:

„Mein Akt wird in jedem Kunstmuseum des Landes zu sehen sein. Jedermann wird die Möglichkeit haben, mich zu bewundern. Macht Sie das nicht neidisch, Clarvoe?“

Blackshears Recherchen beginnen bei dem zwielichtigen Fotografen Jack Terola, der später von einer Barbierschere erstochen aufgefunden wird, führt ihn zu Helens Familie und schlussendlich auch zu Evelyn, die auch andere Menschen telefonisch penetriert. Stück für Stück entwirrt er das Beziehungsknäuel rund um Helen und wird immer mehr in psychische Abgründe hinein gezogen.

Es stellt sich heraus, dass Evelyn mit Helens Bruder verheiratet war. Sie löste jedoch die Ehe gleich nach der Hochzeitsnacht auf, als sie Douglas homosexuelle Neigung feststellte. Douglas hatte nur seiner Mutter Verna zuliebe geheiratet. Ein weiterer Drohanruf Evelyns mit Verna treibt die Spannung auf die Spitze: Mit Liebe zum Detail eröffnet sie Verna, was es mit ihrem Sohn wirklich auf sich hat. Und so wird Douglas zum zweiten Opfer des Psycho-Scheusals, als er aufgrund des erzwungenen Coming-outs Selbstmord begeht.

Ein Psychogramm, das ein Krimi ist: die anfänglichen Beklemmung, die sich bei der Beschreibung der Charaktere breit macht, weicht bei der Hälfte einer Spannung, die sehr an Alfred Hitchcock erinnert. Der Roman kommt ohne langatmige Beschreibungen und moderner Action aus, lebt hauptsächlich vom Unausgesprochenen in den Dialogen und die Spannung wird durch gekonnt gestreute Andeutungen vorangetrieben. Der Leser denkt automatisch mit, prüft Blackshears Recherchen und Thesen und ist wahrscheinlich ebenso überrascht, wenn die Autorin die Lösung präsentiert. Ein klassischer Psycho-Thriller mit Niveau.

Margaret Millar war eine kanadische Autorin, die sich auf Krimis und Thrillers spezialisiert hat. „Mutter, es geht mir gut…“ (Beast in View) gilt als eines ihrer besten Bücher. Sie erhielt für diesen Roman 1956 den Edgar Allan Poe Award.

Rezension: NR. 148
14. September 2009

Deine Meinung über dieses Buch:

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  • rosenrot sagt:

    von der buchhändlerin empfohlen wurde mir dieses buch, das mich rein vom klappentext her nicht gereizt hätte. ich muss zugeben, dass ich die grundidee toll finde. ich bin jedoch der meinung, dass man daraus viel mehr hätte machen können. es gibt einige lustige szenen in dem buch, insgesamt war ich aber enttäuscht. dennoch überlege ich, ob ich jetzt das neue jesus buch kaufen soll, da ist die idee dahinter nämlich wieder grossartig.

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