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Martin Suter: Der Koch

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Maravan ist ein junger Mann, ein Tamile, der als Asylbewerber in Zürich lebt. Das Kochen ist sein erlernter Beruf und seine Berufung. Durch seinen Status als Asylant darf er allerdings nur als Küchenhilfe arbeiten. Im Szene-Restaurant Huwyler ist Maravan der strengen Hierarchie der Küche unterworfen. Noch mehr Missbilligung seitens der Kollegen erhält er zudem, als die äußerst hübsche und lesbische Kellnerin Andrea ihn zu einem Rendezvous bittet. Maravan, dem es entgeht, dass Andrea das eigentlich nur macht, um ihren männlichen Arbeitskollegen eins auszuwischen, macht sich daran, alles für ein gemeinsames und ganz besonderes Essen vorzubereiten – ein mehrgängiges Menü, das besonders sinnlich auf Andrea wirken soll. Das Andrea nicht auf Männer steht, weiss Maravan zu diesem Zeitpunkt noch nicht, mit seinem mühevoll zubereiteten Essen hat er jedoch (den erhofften) Erfolg. Zumindest kurzfristig, denn als Andrea ihn auf das Rendezvous hin aufsucht, muss Maravan ihr so einiges erklären.

„Was war im Essen?“

„Du meinst, welche Zutaten?“

„Nur die, die diese Wirkung auslösen.“

„Ich verstehe nicht.“

Es war ein schlechter Lügner. Bis jetzt hatte Andrea an ihrer Theorie gezweifelt. Aber er benahm sich so ertappt, dass sie ganz sicher wurde. „Du verstehst schon.“

„Das Essen bestand aus den traditionellen Zutaten. Da war nichts drin, das nicht reingehört.“

„Maravan, ich weiss, dass das nicht wahr ist. Ich bin mir ganz sicher. Ich kenne mich und meinen Körper. Mit dem Essen hat etwas nicht gestimmt.“

Er schwieg einen Moment. Dann schüttelte er störrisch den Kopf.

„Es sind uralte Rezepte. Nur die Zubereitung habe ich ein wenig modernisiert. Ich schwör’s dir, da war nichts drin.“

Andrea stand auf und ging zwischen Altar und Fenster hin und her. Es dämmerte jetzt, der Himmel über den Ziegeldächern hatte sich orange gefärbt, die Stimmen auf der Straße waren verstummt.

Sie wandte sich vom Fenster ab, baute sich vor Maravan auf. „Steh auf, Maravan.“

Er stand auf und senkte die Lider.

„Sieh mich an.“

„Bei uns ist es unhöflich, jemandem in die Augen zu sehen.“

„Bei uns ist es unhöflich, einer Frau etwas ins Essen zu tun, damit sie mit einem ins Bett geht.“

Er sah ihr in die Augen. „Ich habe dir nichts ins Essen getan.“

„Maravan, ich verrate dir jetzt ein Geheimnis. Ich schlafe nicht mit Männern. Sie machen mich nicht scharf. Sie haben mich noch nie scharf gemacht. Ich habe als Teenager zweimal mit einem Jungen geschlafen, weil ich dachte, das tut man. Aber schon nach dem zweiten Mal habe ich gewusst, dass ich das nie mehr tun würde.“

Sie legte eine Pause ein. „Ich schlafe nicht mit Männern, Maravan. Ich schlafe mit Frauen.“

Er sah sie erschrocken an.

„Verstehst du jetzt?“

Er nickte.

„Also, was war im Essen?“

Maravan nahm sich Zeit. Dann sagte er: „Ayurveda ist eine Heilkunde, die viele tausend Jahre alt ist. Sie kennt acht Sparten. Die achte heißt Vajikarana. Sie befasst sich mit Aphrodisiaka. Dazu gehören auch gewissen Speisen. Meine Großtante Nangay ist eine weise Frau, die unter anderem solche Speisen zubereitet. Von ihr habe ich die Rezepte. Aber die Art, wie sie zubereitet waren, stammt von mir.“

Das Abendessen hat für Maravan und Andrea Konsequenzen: Da sich für das Date Maravan ein sehr spezielles und teures Küchengerät aus dem Huwyler ausgeliehen hat, und er dieses nicht mehr rechtzeitig an seinen Platz stellen kann, wird er kurzerhand gekündigt. Andrea, die durch das Essen eine Idee von Maravans Kochkünsten bekommen hat, kündigt ebenfalls. Die logische Folge ist, dass sich die beiden zusammentun und „Love Food“ gründen, ein Catering-Service, das sich auf die Zubereitung erotischer Menüs spezialisiert. Zu Beginn angelt sich Andrea die ersten Kunden über eine Sexual-Therapeutin. Doch später zerwirft sich Andrea mit der Therapeutin, was dem Geschäft aber nur kurzfristig schadet. Schon bald bietet sie Maravans Kochkünste der gehobenen Business Class an und gerät so immer mehr in die Gesellschaft zwielichter Geschäftsmänner.

Die Geschichte um Maravan und Andrea ist zwar das Hauptgericht, der Autor richtet es jedoch mit einigen Beilagen an. Neben der Entwicklung von „Love Food“, rückt der Geschäftsmann Eric Dallmann immer mehr ins Zentrum des Geschehens. Dallmann, 64 Jahre, ist als „Berater“ tätig, er ist ein übergewichtiger Networker, dessen Geschäfte nur auf den ersten Blick sauber erscheinen. Vor dem Hintergrund der beginnenden Weltwirtschaftskrise werden Dallmanns und Maravans Geschäfte mit Zubereitungstechniken und aktuelle Themen aus dem Wirtschaftsgeschehen eingekocht. Eine zusätzliche Dichte erhält der Roman durch die Schilderung der politischen Geschehnisse in Sri Lanka und durch das Schicksal von Maravans Familie.

Alles in allem ein wohltuender, gut gebauter Roman, der sich flüssig und in einem durch lesen lässt. Die Darstellung und Beschreibung von Maravan, seine Sorgen um seine Familie, der Konflikt zwischen der tamilischen Kultur und der mitteleuropäischen Lebensweise und sein Traum, als Koch anerkannt zu sein, sind überzeugend nachvollziehbar und machen ihn zu einem sympathischen Charakter. Für Leser, die sich in der Küche zu Hause fühlen, enthüllt der Roman eine zusätzliche informative Komponente, die mit einer Rezeptsammlung im Anhang komplettiert wird.

Mit einem klassischen pakistanischen Menü wollte der Auftraggeber seine Gäste überraschen. Maravan erlaubte sich, dem noch ein paar Überraschungen hinzuzufügen.

Das Arha Dal, das klassische Linsengericht, interpretierte er als Ring aus Dal Risotto und richtete es mit Korianderluft und Zitronenschaum an.

Das Nihari, ein sechs Stunden lang auf kleinstem Feuer gekochtes Rindscurry, bereitete er mit etwas Gelatine als Nihari-Praliné zu und kombinierte sie mit Zwiebelemulsion und Zwiebelchips auf Reispüree.

Das Huhn für das Biryani war vakuumiert und bei Niedrigtemperatur gegart und in der scharfen Palmzuckerkurste aus der Biryani-Gewürzmischung serviert. Angerichtet mit Pfefferminzluft und Zimteis.

Rezension: NR. 176
[ssba]
13. Mai 2010

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