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Michael Köhlmeier: Sunrise

Michael Köhlmeier - Sunrise - eine Buchempfehlung

Zwei Autostopper kurz vor Sonnenaufgang auf dem Hollywood-Boulevard: Nur wenige Autos fahren vorbei, keiner nimmt sie mit. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählt der eine dem anderen eine Geschichte. Und die geht so: Leo Pomerantz, ein Sandler, soll sterben. Jedoch verfehlt der Tod (mit Sichel statt Sense bewaffnet) sein Ziel und trifft Rita, eine Stripperin. Rita, die nun statt Leo sterben muss, findet das naturgemäß nicht fair und beschwert sich. Und sie hat Erfolg: Der Tod gibt jedem genau 27 Minuten Zeit, ihn zu überzeugen, wer leben soll.

Leo erzählt dem Tod seine Geschichte. Wie seine Mutter gestorben ist, dass sein Vater ein Channel-Hopper war, von seinem Onkel und seiner ersten Liebe. Sein Hauptargument ist, dass er mit dem Trinken aufhören möchte und deshalb könne er jetzt nicht einfach so sterben. Dann erzählt Rita dem Tod ihre Geschichte. Wie sie beinahe schon mal gestorben wäre, wie sie den Mexikaner Schoscho kennengelernt hat und sie berichtet von ihrem Suizidversuch.

Im Großen und Ganzen war’s dann auch schon mit der Handlung (das Buch ist auch ziemlich dünn) von „Sunrise“, das dicke Ende kommt allerdings noch. Denn die Erzählung endet mit einem gemeinen… äh, raffinierten Finale, das hier bestimmt nicht verraten wird. Wer nun wissen will, wie der Redewettbewerb und der Konflikt um Leben oder Sterben ausgeht, muss das Buch bzw. die Novelle schon selbst lesen.

Sunrise hat man ratz-fatz durch.

75 Seiten lang dauert das erzählerische Glanzstück, die Richard, der Ich-Erzähler, uns darbietet. Ein kurzes Lesevergnügen, das sich auszahlt, denn Köhlmeiers Sprache ist spritzig und lebendig, die Handlung ebenso.

„Hat der Tod wirklich flott gesagt, Richard, oder schwindelst du in diesem Punkt?“

„Der Tod kann doch alle Sprachen, was denkst du denn! Muß er doch. Der kennt dir alle Wörter. Wenn der Tod redet, ist das, wie wenn du das größte Lexikon der Welt aufschlägst.“

Der Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier ist hauptsächlich durch seine Nacherzählungen klassischer Sagen bekannt und hat sich als Erzähler einen Namen gemacht. Köhlmeier ist zudem auch Liedtexter, Drehbuch-Schreiber und befasst sich ebenfalls mit Theater und Hörspiele. „Sunrise“ schrieb Michael Köhlmeier  1994 und die Erzählung ist im Haymon Verlag erschienen. Es ist auch eines meiner Lieblingsbücher. Die Idee hinter Sunrise stammt übrigens vom Autor und Schauspieler Richard O’Brien, dem Erschaffer der Rocky Horror Show. 2001 wurde das Buch vom ORF als Hörspiel vertont.

„Die Gestaltung der ganzen Erzählung aus dem Dialog heraus, das Einleben des Autors in die individuellen Erzählstile der Figuren verleihen dieser einfachen und zugleich furchtbar komplizierten Geschichte Tiefe, gleichzeitig aber eine wohltuend unaufdringliche und erstaunlich glaubwürdige Lockerheit.“ (Alfred Bodenheimer: Das verfehlte Ziel des Todes. Michael Köhlmeiers Erzählung Sunrise. In: Neue Zürcher Zeitung vom 6. Mai 1994. Zitiert nach Pressestimmen des Haymon Verlags.)

Rezension: NR. 31
18. April 2007

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