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Orhan Pamuk: Das neue Leben

Was kann einem Menschen dazu bringen, von heute auf morgen sein Leben radikal zu ändern, ja sein bisheriges Dasein nur noch als Traum zu empfinden? Im dem er ein Buch liest, ein – bestimmtes – Buch. Der Student Osman trifft in der Mensa der Universität in Instanbul auf die Komilitonin Canan. Wie durch Zufall kann Osman einen Blick auf Canans kurz hingelegtes Buch werfen. Um die hübsche Studentin näher kennenzulernen, besorgt sich Osman dieses Buch. „Eines Tages las ich ein Buch, und mein ganzes Leben veränderte sich.“ So beginnt Pamuks Roman über das neues Leben.

„Mir waren Geschichten von Leuten bekannt, die in einer Nacht ‚Die Grundsätze der Philosophie‘ gelesen, jedes Wort darin für richtig befunden und sich am nächsten Tag der Neuen Avantgarde der revolutionären Proletarier angeschlossen hatten, drei Tage später bei einem Bankraub erwischt worden waren und für zehn Jahre einsaßen. Ich kannte auch andere Leute, die nach einer Lektüre wie ‚Der Islam und die neue Moral‘ zum Beispiel oder ‚Der Verrat der Verwestlichung‘ eines Nachts von der Kneipe zur Moschee gegangen waren und auf den eiskalten Teppichen, umweht von Rosenwasserdüften, begonnen hatte, geduldig auf ihren in fünfzig Jahren fälligen Tod zu waren. Und wieder andere kannte ich, die sich von Büchern wie ‚Die Freiheit der Liebe‘ oder ‚Ich erkannte mich selbst‘ hatten mitreißen lassen. Diese gehörten zwar vorwiegend zu den Menschen, die an die Sterne glaubten, aber auch sie erklärten voller Überzeugung: „Dieses Buch hat in einer einzigen Nacht mein ganzes Leben verändert!“

„Eines Tages habe sein Sohn ein Buch gelesen und geglaubt, daß sich die ganze Welt verändert habe. ‚ Ali Bey‘, fragte er, ‚Sie sind ein Sohn eines Vertreters, auch Sie sind in Ihren Zwanzigern, sagen Sie mir, ist es etwas heutzutage möglich, ein Buch, das die ganze Welt eines Menschen verändern würde‘? Ich schwieg und beobachtete Dr. Narin aus dem Augenwinkel. ‚Mit welchem Rezept von heute könnte eine so starke Magie verwirklicht werden?'“

Viel später erst merkt Osman – Protagonist und Ich-Erzähler -, dass es kein Zufall war, dass er Canan begegnet und damit auf das Buch aufmerksam geworden ist. Bis dahin hat Osman schon alle Bindungen zu seiner Heimatstadt hinter sich gelassen. Er verläßt seine Mutter, bricht sein Studium ab. Geführt durch die Lektüre des Buches und gleichzeitig auf der Suche nach der verschwundenen Canan, steigt er in den erstbesten Bus, in den nächsten und übernächsten, ohne ein Ziel zu haben oder auf Stationen zu achten und reist immer tiefer in sein Heimatland, immer weiter weg von Urbanität und Fortschritt.

Und irgendwann nach wochenlangem Sitzen in den Reisebussen stösst er auf Canan und gemeinsam setzen sie ihre Reise fort – immer auf der Suche nach etwas, das ihnen das Buch verspricht. Die aufblühende Liebe Osmans zu Canan wird jedoch vom ebenso geheimnisvoll verschwundenen Nebenbuhler Nehmet überschattet. Nehmet, der rebellische Sohn von Dr. Narin, der ebenfalls von zu Hause im Namen des Buches von zu Hause fortgegangen ist und sich von den Gegnern des Buches verfolgt glaubt. Eine große Verschwörung aus dem Westen (Globalisierung) ist im Gange, so ist Dr. Narin, eine Art provinzieller Potentat, überzeugt und versucht mit allen Mitteln, Osman auf seine Seite zu ziehen, ihn sogar an die Stelle seines Sohnes Nehmets zu setzen. Und allmählich lichtet sich das Dunkel und Osman begreift, was es mit der Konspiration auf sich hat.

„Wenn andere die Natur betrachten“, meinte Dr. Narin,“ sehen sie dort ihre eigenen Grenzen, Unzulänglichkeiten und Ängste. Aus Furcht vor den eigenen Schwächen nennen sie es dann die Grenzenlosigkeit und Größe der Natur. Ich aber sehe in der Natur eine mächtige Botschaft, die zu mir spricht, mich an meine Willenskraft gemahnt, die mich aufrecht hält, sehe eine reiche Schrift, die ich entschlossen, ungerührt und furchtlos lese. Genau wie große Zeiten und große Länder sind große Männer solche, die so viel innere Kraft speichern konnten, daß es sie fast zu sprengen droht. Wenn die Zeit kommt, die Vorzeichen stimmen, wenn von neuem Geschichte gemacht wird, dann beginnt sie, sich zu regen, diese große Kraft, treibt den großen Mann zur Tat und trifft mit ihm ohne Mitleid ihre Entscheidungen. Und ebenso schonungslos beginnt das Schicksal zu agieren. An jenem großen Tag wird der Öffentlichkeit, den Zeitungen, den aktuellen Ideen, den AYGAZ-Zeug, den LUX-Seifen, den COCA-COLAs und den MARLOBOROs und den kleinen Sachen und der kleinen Moral unserer armen vom Westwind verführten Brüder nicht der geringste Wert mehr beigemessen.“

Orhan Pamuks Romane sind für Liebhaber anspruchsvoller Literatur gedacht. Obwohl es bei „Das neue Leben“ nur einen Handlungsstrang gibt, verzweigt sich das Geschriebene in unterschiedliche, thematische Richtungen: das mystische Buch, die Dreiecksbeziehung zwsichen Osman, Nehment und Canan, die unerwiderte Liebe Osmans zu Canan, die ziellose Reise per Autobus, die an eine Road-Novel erinnert, die Verschwörung, die die Zerrissenheit des Landes zwischen Modernität und Tradition widerspiegelt usw. Zusammenhänge und Geschehnisse werden dabei durch Symbole und Allegorien verschlüsselt. Die Charaktere Osman, Canan, Nehmet und Dr. Narin definieren die Handlung weniger durch ihre emotionale Persönlichkeit als durch ihre Position, ihre Haltung, die sie einnehmen.Schlussendlich reduziert sich die Geschichte jedoch auf ein Thema, nämlich auf die Reflektion der türkischen Mentalität.

Leseprobe zu „Das neue Leben“

Rezension: NR. 145
22. August 2009

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