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Salman Rushdie: Des Mauren letzter Seufzer

Eine Familiensaga muss nicht fad sein. Schon gar nicht, wenn sie in Indien spielt und von Salman Rushdie erzählt wird. Wem die „Satanischen Verse“ bis jetzt davon abgeschreckt haben, Rushdie als Autor überhaupt in Erwägung zu ziehen, sollte schnellstens zum Buch-Shop eilen. „Des Mauren letzter Seufzer“ hat alles zu bieten, was man von einem (sehr) guten Roman nur erwarten kann. Eine durchstrukturierte, spannende und fantastische Handlung inklusive Intrigen, Erotik und skurile Charaktere – erzählt mit Witz, Ironie und viel (auch politischer) Hintergründigkeit. Und je nach Laune lässt das Buch einen unterhalten, nachdenken, erregen…. Rushdies Held und Ich-Erzähler ist Moraes Zogoiby, genannt Moor, der seine Lebensgeschichte als letzter Sprössling einer indischen Gewürz-Dynastie erzählt. Die eigentlichen Hauptdarsteller in diesem Roman sind jedoch die Frauen – hauptsächlich die seiner Familie.

Moor beginnt seine Erzählung mit dem Ende: nämlich als Gefangener in einem hohen Turm in Spanien. Noch relativ jung an Jahren doch physisch doppelt so schnell gealtert – das ist das Schicksal und die Bürde, die Moor tragen muss:

„Ich gehe schneller durch die Zeit, als es sein sollte. Verstehen Sie mich? Irgendwer hat irgendwo die Taste „ff“ gedrückt, oder richtiger „x2″. Hören Sie gut zu, lieber Leser, beachten Sie jedes Wort, denn was ich nunmehr niederschreibe, ist die schlichte und buchstäbliche Wahrheit! Ich, Moraes Zogoiby, auch bekannt als Moor, ich bin – zur Strafe für meine Sünden, für meine vielen, vielen Sünden – ein Mensch, der doppelt so schnell wie andere lebt.“

Moor wartet auf seinen Tod. Doch zuvor erzählt er dem Leser seine Geschichte und beginnt bei seiner Urgroßmutter. Eine turbulente Geschichte, voll mit eigenwilligen Charakteren: starke Frauen mit verschrobenen Männern, Freaks, Künstler, Schwule – halt allem, was unsere Welt zu bieten hat. Der Erzähler hält sich dabei nicht immer an demselben Seil fest: er schweift ab, greift vor, sinniert und rekapituliert. Wunderbar dabei ist die Sprache: es wird brechifiziert, haltifiziert, kümmerifiziert – Anglizismen werden erbarmungslos indifiziert:

„Booby Shafto’s gone to sea-ea
silver bottles on his knee-ee…
Ker-räck! Ker-räck! machten die Nußschalen in ihrem Mund.
He’ll come back to bury me-ee
Boney Booby Shafto.
In all den Jahren hatte nur Belle niemals Angst vor Epifania gehabt. „Vier dicke Fehler“, erklärte die neuzehnjährige Isabella ihrer Schiwegermutter strahlend, einen Tag nachdem sie das Haus als mißbilligte, aber zähneknirschend akzeptierte Braut betreten hatte. „Nicht booby, nicht bottles, nicht bury, nicht boney. Süß von dir, in deinem Alter ein Liebeslied zu singen, doch mit den falschen Wörtern wird es zum Nonsens, nicht wahr?“
„Comoens“, erwiderte Epifania mit steinerner Miene, „sag deiner lieben Frau, sie soll die Klappe haltifizieren! Sonst werd‘ ich ihrem Gesabbere höchstpersönlich den Hahn abdrehen.“

„Des Mauren letzter Seufzer“ ist ein großer Roman, vielschichtig aber nicht kompliziert, unterhaltsam aber auf keinen Fall seicht, anspruchsvoll und dennoch nicht schwülstig, originell aber nicht komisch: ein Porträt einer indischen Familie über Generationen hinweg und gleichzeitg Spiegel Mutter Indiens des 20. Jahrhunderts.

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Rezension: NR. 92
2. April 2008

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