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Salman Rushdie: Scham und Schande

Roman Scham und Schande Salman Rushdie

Sharam, das ist das Wort, um das es hier geht und das unzulänglich als „Scham“ übersetzt wird. „Sharam“ ist jedoch mehr: „Verlegenheit, Unbehagen, Anstand, Sittsamkeit und Zurückhaltung, das Gefühl, einen festen Platz in der Welt zu haben, und noch andere Dialekte des Gefühls, für die das Englische keine Entsprechung kennt.“ „Scham und Schande“ ist ein in ein Märchen verpackter Roman über Pakistan, seine Politik, Religion und Menschen – fantastisch und gleichzeitg real mit verzerrten Charakteren, die manchesmal wirklichen Gestalten ähneln.

Man muss nicht unbedingt ein Nah-Ost-Experte sein, um seine Freude an diesem Buch zu haben. Natürlich würde ein wenig Wissen über den politischen und religiösen Hintergrund Pakistans nicht schaden, um Rushdies Gedanken über ein Land, das er selbst „scheibchenweise“ kennen gelernt hat, umfassend zu begreifen. Die Geschichte des Landes, seine politische Entwicklung und die vereinnahmende Rolle der Religion – selbstredend haben diese Themen ihre zentrale Bedeutung in „Scham und Schande“. Aber es ist auch eine Geschichte dreier Familien, deren Schicksale sich immer mehr miteinander verweben, eine „Art modernes Märchen“, in der Rushdie seine kritischen Gedanken gebettet hat.

Rushdies Familientragödien sind nie langweilig – zu intensiv wird von bizarren Gestalten, die unglaubliches und merkwürdiges erleben, pointiert erzählt. Wie auch in anderen seiner Romane spielen die Frauen die Hauptrollen, auch wenn sie etwas abseits vom Rampenlicht stehen. Und alles dreht sich um die Scham und Schamlosigkeit, um Himmel und Hölle, um die Schande und um die daraus entstehende Gewalt.

„Was glauben Sie, geschieht mit ihnen? – Ich meine Empfindungen, die empfunden hätten werden sollen, aber nicht empfunden wurden – wie beispielsweise Reue über ein falsches Wort, Schuldgefühle wegen eines Verbrechens, Verlegenheit, Anstand, Scham? – Stellen Sie sich Scham als eine Flüssigkeit vor, sagen wir als ein süßes, schäumendes, Karies verursachendes Getränk, das aus Automaten gezogen wird. Sie drücken den richtigen Knopf, und ein Becher plumpst unter einen pissenden Strahl der Flüssigkeit. Wie man den Knopf drückt? Nichts leichter als das. Lügen Sie, schlafen Sie mit einem weißen Jungen, werden Sie mit dem falschen Geschlecht geboren. Schon fließt das sprudelnde Gefühl, und Sie trinken Ihr Teil davon …. aber wie viele Menschen weigern sich, diesen einfachen Vorgaben zu folgen! Schmachvolle Dinge geschehen: Lügen, liederlicher Lebenswandel, Respektlosigkeit gegenüber Älteren, mangelnde Liebe zur eigenen Nationalflagge, unkorrektes Abstimmen bei Wahlen, Fresssucht, außerehelicher Geschlechtsverkehr, autobiographische Romane, Schummeln beim Kartenspiel, Mißhandlung von Frauen, Versagen bei Prüfungen, Schmuggeln, Verpfuschen eines Länderspiels an der entscheidenden Stelle: und sie werden ohne Scham vollbracht. Und was geschieht mit dieser nicht empfundenen Scham? Was ist mit dem nicht geleerten Becher Kribbelwasser? Denken Sie an den Automaten zurück. Der Knopf wird gedrückt; doch dann kommt eine schamlose Hand, die den Becher fortstößt! Der Knopfdrücker trinkt das Bestellte nicht, und die Flüssigkeit der Scham wird verschüttet, breitet sich in einem schaumigen See auf dem Boden aus.“

Rezension: NR. 109
[ssba]
14. Juli 2008

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