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Thomas Hardy: Am grünen Rand der Welt

Thomas Hardy - Am grünen Rand der Welt

Das letzte hier vorgestellte Buch „Eine Dame von Welt“ von Henry James hat mir Appetit auf englische Literatur des 19. Jahrhunderts gemacht. Als ich über „Am Rand der grünen Welt“ gestolpert bin, kam mir das gerade recht. Dieser Roman von Thomas Hardy ist sein vierter und auch einer der erfolgreichsten. Er handelt von der schönen und kessen Bathsheba Everdene, die in Wessex für Wirbel in der Männerwelt sorgt.

Wessex ist Hardys fiktive Welt, im Südwesten von England angesiedelt. Die Orte, die er in seinen Romane unter einem fiktiven Namen beschreibt, existieren auch tatsächlich. Diese Geschichte lässt Hardy hauptsächlich in Weatherbury (Puddletown), einem kleinen Dorf, spielen. Sie beginnt mit der Begegnung zwischen dem Farmer Gabriel Oak und Bathsheba Everdene, die gerade auf einer Kutsche sitzend, auf den Weg zu ihrer Tante ist.

Der Mauteinnehmer sah dem Fahrzeug nach. „Ein sauberes Mädchen“, sagte er zu Oak.

„Aber nicht ohne Fehler“, fand Oak.

„Wie auch nicht?“

„Und der größte davon ist – na: immer dasselbe halt.“

„Dickschädlig, meinst du? Allerdings.“

„O nein.“

„Was sonst?“

Gabriel, den vielleicht doch das mangelnde Interesse der hübschen Reisenden ein wenig kränkte, sah zu der Stelle zurück, wo er sie beobachtet hatte, und stellte fest: „Die Eitelkeit“.

Auch wenn diese erste Begegnung von gegenseitiger geringer Wertschätzung geprägt ist, verliebt sich der Farmer in das hübsche Mädchen mit den dunklen Haaren und macht ihr ein wenig später einen Heiratsantrag. Bathsheba weist ihn jedoch mit dem Argument, dass sie ihn nicht liebe, zurück. Daraufhin gehen sie getrennte Wege. Bathsheba übernimmt das Pachtstück ihres verstorbenen Onkels und steigt damit gesellschaftlich auf. Mit den Worten „Ihr habt also jetzt eine Herrin an Stelle eines Herrn“ übernimmt selbstredend die Pflichten eines Gutsherrn und versucht sich gegenüber der männlichen Konkurrenz zu behaupten.

Gabriels Schicksal hingegen verläuft weniger erfolgreich: Durch einen Schicksalsschlag verliert er seinen kleinen Besitz samt all seinen Schafen. Ihm bleibt nichts anderes übrig als sich als Schäfer Arbeit zu suchen und wieder von vorne zu beginnen. Auf seiner Wanderung durch Wessex kann mit seiner Mithilfe ein Brand auf einer Farm gelöscht werden. Es stellt sich heraus, dass es sich um Bathshebas Anwesen handelt. Da die Gutsherrin einen Arbeiter gebrauchen kann, stellt sie Gabriel als Schäfer ein. Von da an muss er zusehen, wie eifrig um Bathshebas Hand geworben wird.

Da gibt es den älteren und wohlhabenden Farmer William Boldwood, der mit Laufe der Geschichte eine obsessive Leidenschaft für Bathsheba entwickelt. Er könnte ihr ein angenehmes Leben und sicheres Zuhause bieten, aber das ist der jungen Frau zu wenig. Eine Farm bewirtschaftet sie selbst und der Erfolg wird sich noch einstellen. Kein Grund also gleich in die Arme eines langweiligen Mannes zu fallen. Mit einigen Tricks hält sie Boldwood auf Abstand, was diesen mehr und mehr frustriert. Als der fesche Sergeant Troy die Bühne betritt, ist es plötzlich Bathshebas Leben, das auf den Kopf gestellt wird. Troy ist ein Don Juan in Uniform, ein Frauenheld der übelsten Sorte. Er umgarnt sie, flirtet mit ihr und stellt ihr nach. Kein Wunder, dass sich Bathsheba Hals über Kopf in den Kerl verliebt. Bei diesen Liebeswirren hält sich Oak dezent im Hintergrund. Seine Arbeit macht er mit Hingabe, von seinen Mitarbeitern wird er aufgrund seiner Besonnenheit geschätzt. Auch seine Herrin merkt, dass sie auf seine Dienste und sein Wissen nicht verzichten kann. Doch auch wenn Oak vom Schäfer zum Verwalter des Guts aufsteigt, bleibt er für sie lediglich ein Bauernbursch. Für welchen Freier wird sich die eigensinnige Dame letztendlich entscheiden?

Im Gegensatz zu anderen Romanen von Thomas Hardy, ist dieser keine fatalistische Tragödie wie „Tess of the D’Urbervilles“ oder „Jude the Obscure“, sondern eine Liebesgeschichte mit einem glücklichen Ende. Hardy konzentriert sich mit psychologischer Scharfsinnigkeit auf die menschliche Natur. Aber dies allein wäre doch etwas zu eintönig. Also inszeniert Hardy zusätzliche aufregende Elemente, um den Leser bei Stange zu halten: Mord, Wahnsinn, Siechtum, lebensbedrohende Feuer und Gewitter sowie das Verenden ganzer Schafherden. Hardys Dramatik gipfelt mit der Öffnung eines Sargs, in dem eine tote Mutter mit ihrem Baby liegt. Die Idylle, die der Titel des Romans vermuten lässt (der Original-Titel „Far from the Madding Crowd“ verweist auf eine Textstelle in einem Gedicht von Thomas Gray), wird mehrfach zer- und gestört.

Gesellschaftlich gesehen ist die Heldin ebenfalls eine Störung. Mitte des 19. Jahrhunderts war eine selbstbewusste und emanzipierte Frau, die in die Rolle eines Mannes schlüpft, ungewöhnlich. Gleichzeitig ist die geschäftstüchtige Bathsheba arrogant und – als sie sich auf Troy einlässt – auch ziemlich naiv. Hardy hat mit Bathsheba eine paradoxe Frauenfigur entworfen, die die anderen Darsteller ebenso einwickelt und provoziert wie den Leser. „Am grünen Rand der Welt“ ist ein willkommenes Buch, wenn man in der Stimmung für die Literatur der viktorianischen Epoche Englands ist.

Rezension: NR. 353
27. Februar 2016

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