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Tom Sharpe: Der Einfaltspinsel

Henry Wilt ist Berufsschullehrer, schrullig, eigen, kompliziert und frigide. Er ist mit der dicklichen Eva verheiratet und Vater von frechen, halbwüchsigen Vierlingen. Und er ist frustiert von seinem Dasein als Lehrer, Ehemann und Vater. Eine Wanderung durch das alte England soll ihm seine Lebensfreude zurück bringen. Doch der Einfaltspinsel stolpert ahnungslos von einer Katastrophe in die nächste. Wilt wird niedergeschlagen, entführt, gefesselt, noch einmal entführt, von der Polizei verdächtigt, von der Ehefrau gesucht und schlußendlich in eine Nervenklinik eingeliefert. Eine Einladung von Evas Verwandten nach Amerika eröffnet Henry die einzigartige Möglichkeit zum Ausbruch aus dem Alltag. Doch vorher muss er Eva davon überzeugen, dass er nicht mit von der Auslandspartie ist. Bücher von Lenin und Marx, die Henry als Reiselektüre mitnehmen möchte, überzeugen Eva schnell davon, dass sie den amerikanische Onkel und Großindustriellen ziemlich erzürnen könnten.

So macht Henry sich nach der Abreise seiner Familie mit Rucksack auf und wandert los – ohne Plan und Karte – ins Blaue hinein. Die Reise hat nach einigen Tagen jedoch ein Ende: ein Gewitter zieht auf, Henry verirrt sich in einem Wald, betrinkt sich aus Kummer, rutscht mit seinem Rausch einen Abhang hinunter und landet auf einer Ladefläche eines Pickups. Ab da wird’s für ihn ziemlich schwarz. Erst gegen Ende des Buches erwacht Henry aus seinem Koma.

„Hallo, Henry. Fühlen Sie sich besser?“

Von dem Kissen aus betrachtete Wilt dieses Lächeln und konnte es nur schwer deuten. Es war kein Lächeln von der Sorte, die ihm Vertrauen einflößte. Dafür saßen Inspektor Flints falsche Zähne zu locker, und außerdem hatte er früher Flint zu häufig maliziös lächeln sehen, um den Anblick überhaupt beruhigend zu finden. Er fühlte sich nicht besser.

„Besser als was?“, fragte Wilt.

Flints Lächeln verschwand und damit der größte Teil seines Mitgefühls. Er bezweifelte allmählich, dass Hilts Hirn durch den Überfall überhaupt in Mitleidenschaft gezogen worden war. „Nun, besser als vorher.“

„Vor was?“, sagte Wilt, der Zeit brauchte, um herauszufinden, was Sache war. Fest stand, dass er im Krankenhaus lag und einen Kopfverband hatte, viel mehr stand aber auch nicht fest.

Dass Flint zögerte, bevor er antwortete, steigerte nicht gerade Wilts Zuversicht, dass er unschuldig war. „Bevor diese Sache passierte“, sagt er schließlich.

Wilt überlegte. Er hatte keine Ahnung, was passiert war. „Das kann ich nicht behaupten“, erwiderte er. Es schien ihm eine vernünftige Antwort auf eine Frage zu sein, die er nicht verstand.

Inspektor Flint sah das ganz anders. Allmählich entglitt ihm der Gesprächsfaden, und wie immer bei Wilt gleitet der in ein einen Sumpf von Missverständnissen. Der Arsch sagte nie etwas geradeheraus. „Wenn Sie sagen, Sie könnten es nicht behaupten, was genau meinen Sie damit?“ frage Flint und rang sich erneut ein Lächeln ab. Was auch nicht half.

Wilts Argwohn verstärkte sich beträchtlich. „Genau das“, sagte er.

„Und ‚genau das‘ bedeutet?“

„Was ich sagte. Genau das“, erwiderte Wilt.

Wieder verschwand Flints Lächeln. Er beugt sich vor. „Hören Sie, Henry, ich will nur wissen…“

Weiter kam er nicht, Wilt hatte sich ein neues Ausweichmanöver ausgedacht. „Wer ist Henry?“, frage er plötzlich.

Eva und die Vierlinge mischen derweil ein kleines Nest in den Südstaaten auf. Ein intimes Gespräch zwischen Onkel und Tante zeichnen die Mädchen auf einem Tonband auf, um dann mit 1000 Dezibel die ganze Nachbarschaft daran teilhaben zu lassen. Der Onkel wird daraufhin mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. Die Vierlinge nutzen seine Abwesenheit, um von seinem Computer aus unanständige Emails an seine Kunden zu schicken. Und so nebenbei steht Eva unter Drogenverdacht und wird beschattet.

Tom Sharpe, der für seinen britischen schwarzen Humor bekannt sein soll, hat sich wirklich was angetan: Auf jeder Seite lässt er sich was Neues einfallen, was an Skurrilität nicht zu überbieten ist. Das Buch ist voll von seltsamen und eigenwilligen Charakteren, die Handlung besteht aus einem Aneinanderreihen von überdrehten Situationen. Was vielleicht als netter, turbulenter Roman gedacht ist, wirkt eigentlich nur noch künstlich und überkonstruiert. „Der Einfaltspinsel“ ist nach „Puppenmord“, „Immer Trabbel mit Henry“ und „Henry dreht auf“ bereits das vierte Buch um den Antihelden Henry Wilt.

Rezension: NR. 66
27. September 2007

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