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Libba Bray: The Diviners

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Amerika zur Zeit der Prohibition: Evie ist so gar nicht die brave Tochter, die sich ihre konservativen Eltern wünschen. Nichts als Flausen und Partys hat die junge Dame im Kopf und hüpft somit ganz ungeniert von einem Fettnäpfchen ins nächste. Aber Evie hat auch eine Gabe: Sie kann aus Gegenständen die intimsten Geheimnisse ihrer Besitzer entlocken. Als sie eines Abends ausgelassen feiert und angeheitert ihre Fähigkeit zum Besten gibt, bringt sie sich in gravierende gesellschaftliche Schwierigkeiten. Den Eltern reicht es schließlich. Um sie ohne Skandal aus dem Weg zu haben, schicken sie Evie zu ihrem Onkel, einem eigenbrötlerischen Wissenschaftler. Doch das ist Evie schnurz – im Gegenteil: Ihr Onkel leitet das Museum für Amerikanisches Volkstum – und dieses Museum liegt inmitten von Manhattan. Genau da, wo die Post abgeht.

Dass New York nicht Zenith in Ohio ist und mehr als Jazz, Gin und die „Ziegfeld Follies“ zu bieten hat, wird Evie bereits klar, als sie aus dem Zug steigt. Naiv, was die Großstadt betrifft, und voller Vorfreude auf ein Leben in Saus und Braus wird sie von einem feschen jungen Mann zunächst um ihre Ersparnisse beraubt. Etwas später – sie hat sich schnell bei ihrem Onkel und seinen seltsamen Assistenten eingelebt – kommt sie in Kontakt mit einem okkultistischen Mord an einem jungen Mädchen. In der Hoffnung, ihre Gabe könnte bei den Mordermittlungen von Nutzen sein, begleitet sie ihren Onkel zum Tatort, zur „geschmückten Hure an den Gewässern“.

Der misshandelte Körper des Mädchens war mit weit ausgestreckten Armen und Beinen auf der Mole drapiert worden. Ihr Kopf war kahl geschoren bis auf einige wenige Haarbüschel, die die Schere nicht erwischt hatte. Falsche Perlen aus dem Billigwarenhaus lagen um ihren Hals und an sämtlichen Fingern steckten Spielzeugringe. Das blutleere Gesicht war auffallend grell geschminkt – eine dicke Schicht Puder und Rouge lag darüber und der rot verschmierte Lippenstift konnte das Blau der toten Lippen kaum übertünchen. Auf ihre Stirne hatte jemand das Wort HURE gekritzelt.

Diese Leiche wird im Fortlauf der Geschichte nicht die Einzige sein, mit der es Evie zu tun hat. Quer durch die Metropole werden Menschen auf bestialische Weise ermordet. Die Ermittlungen der Polizei und die Recherchen ihres Onkels führen zu einer erschreckenden Erkenntnis. Die Morde folgen einem alten religiösen Ritual, das nur einen Zweck hat: dem Bösen aus der Hölle Tür und Tor in die reale Welt zu öffnen.

Die Autorin hat ihre Sache gut gemacht: Während der Handlung ist sie bemüht, den Leser in die Atmosphäre der 1920er einzufangen. Egal ob Kleidung, Frisur oder Cocktail – sogar die Razzia durch das Lokal, das illegal literweise Schnaps verkauft, fehlt nicht. Sie schafft damit ein glitzerndes Gegenstück zu den grausamen Morden, zum düsteren Zwielicht, das an jeder Gasse New Yorks lauert. Zu den Morden hat sie sich eine komplexe Geschichte ausgedacht, die viel mit Religion, Aberglauben und Okkultismus zu tun hat. Und obwohl Evie die Heldin ist, widmet sie sich ausführlich auch anderen Charakteren, die die Handlung unterhaltsamer gestalten sollen.

Somit alles perfekt?

Technisch gesehen, ja. Und viele (jüngere) Leserinnen werden von diesem nicht zu dünn geratenen Buch begeistert sein. Das Buch hat eine ausgefeilte Handlung, Spannung und ein bisschen Romantik in der alkoholdurchschwängerten Luft der Roar­ing Twen­ties. Es bietet Geheimnisvolles, Konflikte und eine Heldin, der das gesellschaftliche Korsett schon längst zu eng geworden ist.

Leider konnte ich weder mit ihr noch mit der Geschichte so richtig warm werden. Die kleinen modischen Details haben mich ziemlich schnell genervt, ebenso der unstete Charakter der Heldin. Auf der einen Seite ist Evie vorlaut, gedankenlos, oberflächlich und egozentrisch. In anderen Situationen hingegen strotzt sie vor Klugheit, und ich frage mich dann, wo die denn so plötzlich herkommt. Vor allem, wenn die schlauen Sprüche bereits auf der nächsten Seite vergessen sind. Die Schilderung der Tatorte sind diesbezüglich eine willkommene Abwechslung, aber das alleine überzeugt nicht. Das Buch hätte mich eigentlich zu einer nägelkauenden, seitenverschlingenden Leserin machen sollen. Hat es aber nicht. Vielleicht hat mich das Buch aber auch am falschen Fuß erwischt…

Das Buch wurde mir freundlicherweise von der Rubertusbuchhandlung – der Buchhandlung meines Vertrauens in Salzburg – zur Verfügung gestellt.

Rezension: NR. 326
2. Oktober 2014

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