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Jörg Maurer: Hochsaison

hochsaison

Blitzblauer Himmel und glitzernde schneebedeckte Berge – in dieser bayerischen Lederhosenidylle beginnt das Unglück mit einem Sportler aus Dänemark, der beim Neujahrsspringen abgeschossen wird. Und auch wenn der Vorsitzende des oberbayerischen Skiverbandes den Unfall zunächst mit einem „Skispringen ist halt nicht Halma“ abtut, merken die Einwohner des Kurortes bald, dass da etwas im Argen liegt. Und das kann man hier jetzt gar nicht haben, denn man hat sich für die nächsten Winterspiele beworben und in der VIP-Lounge tummeln sich die IOC-Funktionäre. Und außerdem ist Hochsaison. Also muss schnellstens Hubertus Jennewein her, der sympathische Kommissar aus „Föhnlage„.

Sein Absprung war hervorragend, wie aus dem Lehrbuch, und hoch erhob sich der dänische Ikarus ins Blaue. Seine Haltung war natürlich nicht zu vergleichen mit den ausgefeilten Kunstflügen der Happonens, Kankkonens oder Ahonens, aber er hielt sich, beschwingt durch die Göttin Skaði, ausgesprochen respektabel in der Luft. Sechsundzwanzigtausend Köpfe verfolgten die Sichelkurve, die zusammengestauchte y2=2px-Parabel, den Ypsilon-quadrat-ist-gleich-zwei-p-x-Schlenzer. Jetzt aber, am obersten Punkt des Kegelschnitts, an dem Punkt, wo es höher nimmer geht, kam er ins Schlingern, der Däne, ins Trudeln, er legte sich seitlich wie ein Kajakfahrer in einer neuen Wasserströmung, das war keine gute Flugtechnik, das war gar keine Technik mehr, nein, das war ein Absturz. Er zog ein Bein leicht an und drehte sich seitlich um die eigene Achse, er flog mit den Rücken voraus, er versuchte sich zu fangen, versuchte mit dem Rücken voraus, er versuchte sich zu fangen, versuchte dem unvermeidlichen Höllensturz entgegenzusteuern, geriet aber immer mehr ins Rudern und Strampeln, und aus dem erschrockenen Raunen der Menge stachen schon einzelne spitze Schreie heraus.
Mancher unten in den Arealen A bis F hoffte, dass er sich wieder fing, der nordische Kämpfer, einziges Mitglied der dänischen Nationalmannschaft, dem man doch auch deswegen ein bisschen Sympathie entgegenbrachte. Mancher dachte, dass es vielleicht nur ein Spaß war, eine kleine Einlage, ein nordländischer Joke. Aber es war kein Spaß. Es war ein granatenmäßiger Sturz. Und jetzt kochte das Raunen und Schreien zu einem Kreischen hoch. Der Stadionsprecher, sonst auf alle Eventualitäten vorbereitet, schrie ins Mikro:
„Um Himmels-!“
Dann verstummte auch er. Der Däne flatterte kopfüber auf die schräge Landebahn, und bevor er aufschlug, wandten sich viele ab. Man glaubte das Knirschen der Knochen bis in die entferntesten Areale zu hören.

Natürlich bleibt es nicht bei einem verunfallten Dänen. Wie es sich für einen Krimi gehört, purzeln so nach und nach weitere Opfer von den Gipfeln und so mancher landet letztendlich in der Tiefkühltruhe. Kommissar Jennewein und sein Team haben also alle Hände voll zu tun. Und eigentlich sollten die regelmäßig auftauchenden Bekennerschreiben zur Lösung der Fälle beitragen, doch ihr Schreiber ist gewitzt und führt die Truppe und somit auch den Leser gekonnt in die Irre. Und damit das Ganze noch turbulenter wird, spielen auch noch dubiose Asiaten, reiche Araber, ehrgeizige Sekretärinnen und ein österreichischer Problemlöser mit.

Ein bayerischer Krimi, der nur lustig sein kann: Wer schon Jenneweins ersten Fall „Föhnlage“ gelesen hat, wird auch hier mit viel Lokalkolorit mit ironischem Unterton versorgt. Kurz: a Riesen-Hetz!

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