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Daniel Kehlmann: Unter der Sonne

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Kurzgeschichten sind eigentlich nicht so meins: Kaum hat man sich in die Geschichte gelesen, ist sie auch schon wieder aus. Der Spannungsbogen ist zumeist vorhersehbar und offene Enden hinterlassen Fragen, die man vorher nie gehabt hat. Aus diesen Gründen meide ich dieses Genre – aber wenn’s um Daniel Kehlmann geht, mach ich eine Ausnahme und stell persönliche Befindlichkeiten hinten an. Kehlmann ist mittlerweile ein strahlender Stern am Himmel der deutschsprachigen Literatur und ich mag diesen Autor sehr gern. „Unter der Sonne“ beinhaltet acht Kurzgeschichten (erweiterte Ausgabe), wobei der Titel des Buches zugleich der Titel der dritten Geschichte ist. Nach allen Regeln der Kunst und wie aus dem Lehrbuch für Literaten sind die Erzählungen gemacht; fast schon exemplarisch für den Schulbetrieb geeignet. Die acht Kurzgeschichten haben eine Sache gemein: Sie handeln von Menschen, eingefangen im Trott des geregelten Alltags und ihrer Bedeutungslosigkeit, die eines Tages aus einer bestimmten Begebenheit ausbrechen und mit einem Schlag ihr gesamtes Leben verändern.

„Bankraub“: Ein allein lebender Mann kommt durch einen Fehler einer Bankangestellten zu einem Haufen Geld. Er steht vor der Entscheidung: ehrlich sein, Geld zurückgeben und seinen grauen, faden Alltag weiterführen oder in den Süden abhauen mit der Angst der Entdeckung weiterleben?

„Töten“: Ein Teenager in den Sommerferien – das Wetter ist heiß, dem Jungen ist langweilig. Beim Schlendern durch die Nachbarschaft hat er plötzlich einen Ziegelstein in der Hand. Er wirft… und trifft die Windschutzscheibe eines vorbei kommenden Mercedes. Was Spaß macht, sollte man fortsetzen?

„Unter der Sonne“: Ein Professor für Literatur hat sich sein ganzes Leben mit dem berühmten Autor Bonvard auseinandergesetzt. Für sein Lebenswerk will er noch den Grabstein des Autors fotografieren – das Bild soll das Titelblatt seines Buches schmücken. Doch der Professor hat kein Glück, durch seltsame Umstände kommt er nie am Friedhof an. Am Ende sieht er sich wieder im Zug nach Paris sitzen und seine Welt bricht zusammen.

„Auflösung“: Ein Mann hat einen soliden Job und er verrichtet ihn zuverlässig. Doch eines Tages verliert der Mann seinen religiösen Glauben und sinkt immer tiefer in Gleichgültigkeit – bis er am Ende stirbt.

„Pyr“: Was denkt ein Pyromane? Der Ich-Erzähler erklärt uns was ihn zu einem Pyromanen gemacht hat, wie er es anstellt, Häuser unentdeckt anzuzünden und was er dabei empfindet.

„Kritik“: Ein Schauspieler sitzt in einem Flugzeug und sein Sitznachbar ist mehr als nur unangenehm. Während des Flugs wird der Schauspieler gnadenlos kritisiert und auch wenn sich nach der Landung alles als Missverständnis herausstellt, hat sich das Leben des Schauspielers verändert.

„Fastenzeit“: Einem übergewichtigen Mann rät sein Arzt 15 Kilo abzunehmen. Der Mann nimmt den Rat sehr wörtlich und unterzieht sich einer Null-Diät mit fast tödlichen Folgen.

„Schnee“: Ein Geschäftsmann will nach einer endlosen Sitzung nur noch nach Hause. Doch ein extremer Schneesturm hält ihn davon ab. Trotzdem findet der Mann am Ende so etwas wie Glückseligkeit.

Er blieb stehen, legte den Kopf in den Nacken und starrte in das Flimmern über ihm. Das Flimmern und das unendliche, schwarze Gewölbe. Während seine beine einknickten, streifte ihn sein vergangenes Leben wie ein vorbeiwehender Ton, wie der Schatten einer Erinnerung; als der Schnee ihn auffing, wußte er schon nichts mehr davon. Mit seiner letzten Kraft rollte er sich auf den Rücken. Dann sah er hinauf, hörte zu, wie sein Herz in einen seltsamen Rhythmus fiel, und spürte, wie die Kühle sich auf seine Wimpern und seine Lippen legte. Hinter dem Sturm verbarg sich eine große Ruhe. Lessing lächelte und schloß die Augen. Er war noch nie so glücklich gewesen.

Die acht Geschichten sind wirklich sehr gut konstruiert und umgesetzt. Die inneren Vorgänge der Protagonisten, ihre Gefühle, Entscheidungen und Ansichten sind durchdacht und direkt durch kurze, klare Sätze zum Ausdruck gebracht. Eine kurzweilige Beglückung aller sprachverliebten Leseratten.

Rezension: NR. 198
18. Oktober 2010

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