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Andrew Miller: Friedhof der Unschuldigen

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Friedhof der Unschuldigen von Andrew Miller

Paris, 1785: In der Zeit kurz vor der französischen Revolution bekommt der junge Ingenieur Jean-Baptiste Baratte vom Pariser Ministerium einen höchst merkwürdigen Auftrag. Er soll einen Friedhof umgraben, die Gebeine der Toten entsorgen und die dazugehörige Kirche schleifen. Die Ausdünstungen des alten, überfüllten „Friedhofs der Unschuldigen“ sind unerträglich für die Umgebung geworden, der Boden vergiftet, die Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft wohnen, riechen nach Verwesung. Baratte steht nun vor einer diffizilen Aufgabe, denn Aberglaube und die Angst vor den Toten sind nur zwei von vielen Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat. Es weiß zum Beispiel niemand, wie viele Tote an diesem Ort begraben sind.

„Denken Sie doch nur, wie schön es sein wird, wenn es getan ist. Ein schöner Platz anstelle dessen, was Sie jetzt haben. Vielleicht sogar ein Park.“
Sie nickte. Sie schien sich zu bemühen, seiner Argumentation zu folgen, aber ihre Augen hatten sich wieder mit Tränen gefüllt. „Es ist“, sagte sie nach kurzem Schweigen, „als wollten Sie meine Kindheit ausgraben.“
„Ihre Kindheit?“
„Unschuldige, mädchenhafte Tage.“
„Ich werde nur den Friedhof umgraben. Erde und alte Gebeine. Viele alte Gebeine.“
„Sie sind hier nicht aufgewachsen“, sagte sie leise. „Sonst würden Sie anders empfinden.“
Da er ein wenig tiefer als sie saß, hatte sich sein Blick irgendwo auf ihren Schoß geheftet. Er stellt sich ein langsames Hervorströmen von Blut vor, eine auf dem hellen Stoff ihres Nachthemdes erblühende Blutrose, die sich auf ihren Oberschenkeln ausbreitete und dann vielleicht hörbar auf die Bodendielen zu tropfen begann…

Der Protagonist ist zwar nicht auf den Kopf gefallen, an Durchsetzungsvermögen und Geschick fehlt es ihm allerdings ein wenig. Das machen allerdings seine Freunde, die Baratte im Laufe der Geschichte kennen lernt, wieder wett. Da gibt es den hilfsbereiten Doktor Guillotine oder den lebenslustigen Organisten Armande de Saint-Méard und das Mädchen Jeanne, das sich aufopfernd um die Verpflegung der Arbeiter kümmert. Und Barattes alter Freund Lecoeur, der ihm hilft, flämische Bergarbeiter für diesen Auftrag zu organisieren.

Während die Haufen aus Knochen und Schädel am Rande des Friedhofs in die Höhe wachsen und darauf warten an ihren Bestimmungsort abtransportiert zu werden, verliebt sich Baratte in die schöne Héloïse, einer selbständigen Prostituierten, die vom Viertel nur die „Österreicherin“ genannt wird, weil sie der Königin ähnlich sieht. Seine Beziehung zu einer Hure ist nur das kleinste Problem, mit dem sich der ehrgeizige Ingenieur auseinander setzen muss. An den Wänden der Friedhofsmauer werden Schmähungen geschmiert, Jeanne wird vergewaltigt und sogar ein Anschlag auf Baratte selbst wird verübt.

Dieser historische Roman beruht auf die Tatsache, dass es den Friedhof „Cimetière des Innocents“ tatsächlich gegeben hat. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war er der größte Friedhof in Paris. Der Friedhof wurde 1780 geschlossen, da er hoffnungslos überfüllt war und einige Anwohner an den austretenden Faulgasen erstickt waren. In diesem Roman steht die Räumung des Friedhofs für die politischen Umwälzungen zu dieser Zeit. „Es ist seine Aufgabe, den Schmutz der Vergangenheit zu beseitigen und das Fundament für eine neue, bessere Welt zu schaffen.„, schreibt die Clare Clark im Vorwort zu diesem Buch.

„Friedhof der Unschuldigen“ beschreibt detailliert und auf spannende Weise einen Abriss der Zeit vor der Französischen Revolution. Der politische und soziale Umbruch, der sich anbahnt, und der Aufbruch in die Moderne, ist in dieser Geschichte spürbar. „Die Ereignisse in meinem Roman sind eine Art makaberes Vorspiel zu der merkwürdigen Periode von Freiheit, Freude und Massenmord zwischen dem Sturm auf die Bastille und Napoleons Machtübernahme.„, erklärt der englische Autor in einem Gespräch. Der Roman lebt einerseits durch seinen Protagonisten, der mit seiner Aufgabe wächst, zum anderen durch die authentische Beschreibung des damaligen Paris.

Das Buch ist im Hanser Verlage erschienen. Wir bedanken uns das von weltbild zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Rezension: NR. 311
10. Oktober 2013

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