Robert Lanke: Das längste Verhör

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Das längste Verhör historischer Roman

Am D-Day springt Adam Ruby mit dem Fallschirm über der Normandie ab, um gegen die Nazis zu kämpfen. Doch das Manöver geht schief. Kaum hat er seine Lage sondiert, wird er auch schon von deutschen Soldaten geschnappt. Was da die Deutschen zwischen französischen Apfelbäumen aufgreifen, ist ein Soldat in einer amerikanischen Uniform, der perfektes Deutsch spricht. Um sein und das Leben seiner Kameraden zu retten, geht Adam ein waghalsiges, doppeltes Spiel ein.

Adam ging langsam in die Hocke, legte das Gewehr vor sich auf dem Waldboden ab. Dann wischte er seine schweißnassen Hände behutsam an seiner Uniformjacke ab und zog eine der beiden Handgranaten aus der Halterung an seiner Brust.

„Gefreiter auf Patrouille“, rief er auf Deutsch, um sich mehr Zeit zu verschaffen. Aber kaum hatten die Worte seinen Mund verlassen, biss er sich auf die Zunge. Du verdammter Idiot, dachte er. Die Wehrmacht verwendete das Wort „Patrouille“ nicht, sondern „Streife“. Hatte er im Camp Ritchie nicht aufgepasst? Und hatten die Deutschen vor ihm den Fehler bemerkt?

Adam ist Amerikaner, geboren aber in Heidelberg. Als Jude spürt er die Repressalien während des 2. Weltkriegs jeden Tag. Seine Rettung vom Nazi-besetzten Deutschland sieht er in der Flucht nach Übersee. Dort wird er rekrutiert und im streng geheimen Lager der US-Armee „Camp Ritchie“ ausgebildet. Er ist ein sogenannter Ritchie Boy, ein geschulter Verhörspezialist. Seine Aufgabe ist es, deutsche Offiziere und Soldaten zu befragen, um den Alliierten einen taktischen Vorteil zu verschaffen. Denn wer weiß besser Bescheid über die Deutschen als ein Landsmann?

Als Adam das erste Mal seit seiner Landung in der Normandie aufgegriffen wird, kann er sich mit einer Granate aus der tödlichen Situation retten. Darauf stößt er auf eine amerikanische Einheit und macht Bekanntschaft mit dem bärbeißigen Captain Pullman. Zusammen machen sie eine Entdeckung, die entscheidend für den Erfolg der Alliierten in dieser Region ist. In der Aktentasche eines deutschen Generals finden sie eine Karte mit den Positionen von Raketen-Abschussrampen. Nun gilt es, diese Informationen so rasch als möglich an das Oberkommando weiterzuleiten.

Doppeltes Spiel mit Freund und Feind

Doch im besetzten Feindesland, wo man keinem trauen darf, ist dies nicht leicht. Durch einen Verrat gerät der Trupp in die Hände eines deutschen Bataillons, das sich in einem kleinen französischen Dorf verschanzt hat. Die US-Soldaten werden verhaftet und verhört. So auch Adam Ruby. Der aber greift zu einer riskanten List, denn es geht mehr als um Leben und Tod. Mit allen Mitteln will Ruby die wichtigen Dokumente an seine Vorgesetzten übergeben. Vor Major August von Wetterling, der das Kommando über das in einem kleinen Dorf stationierten Bataillon hat, gibt er sich als Oberleutnant Karl Richter aus. Nun muss er sich mehr dann je daran erinnern, was er in Camp Ritchie alles gelernt hat, damit er überzeugend seine Rolle spielen kann. Und dass niemand merkt, dass er eigentlich ein jüdischer Auslandsdeutscher ist. Das längste Verhör beginnt.

Die Geschichte eines Ritchie Boys

Dieser Roman bringt einen kaum bekannten Aspekt des 2. Weltkriegs ans Licht: Wie erging es Deutschen, die während des Kriegs nach England oder in die USA flüchteten, um von dort als Kämpfer gegen das Hitler-Reich wieder in ihre Heimat zurückzukehren? Ein Teil dieser Auslandsdeutschen ließen sich als amerikanische Soldaten rekrutieren und sich im Camp Ritchie ausbilden. „Gemeinsam mit dem kleineren Ausbildungslager Camp Sharpe in Pennsylvania beherbergte es in den Jahren 1942 bis 1945 das Military Intelligence Training Center der US-Armee, das tausende Spezialisten für die Befragung von Kriegsgefangenen hervorbrachte.„, erklärt der Autor und Historiiker Robert Lanke im Anhang. Diese Spezialisten nannte man Ritchie Boys. Der Grazer hatte sich zuerst in wissenschaftlicher Weise mit diesen Männern beschäftigt, bevor er diesen, seinen ersten, Roman schrieb.

Temporeiches Kopf-Kino

Sein schriftstellerisches Debüt ist ein voller Erfolg und ein Vergnügen für Leserinnen und Leser. Unser Held spielt ein doppeltes Spiel und muss sich in seiner jeweiligen Identität immer wieder beweisen. Obwohl ihm Major Wetterling Glauben schenkt, stößt er auf Misstrauen bei den anderen Soldaten. In den Reihen der Amerikaner hat er das gleiche Problem: Zwar hält ihm Captain Pullman die Stange, einige andere sehen in ihm aber einen Kollaborateur, dem man nicht trauen kann. Besonders heikel wird es, als dann auch noch die Waffen-SS im Lager auftaucht.

Für weitere Emotionen sorgt der Konflikt zwischen altem Soldaten-Adel, die eine gewisse Ehre hochhalten, und machthungrigen Jung-Offizieren, die nicht lange fackeln. Verrat von unerwarteter Seite und eine junge Frau komplettieren dieses gelungene Kopf-Kino.

„Das längste Verhör“ ist packend und lebendig geschrieben, mit vielen außergewöhnlichen historischen Details angereichert und mit überraschenden Wendungen ausgestattet. Es liest sich wie ein temporeicher Thriller, bei dem man nicht schnell genug umblättern kann. Ich hoffe, dass die Geschichte über Adam Ruby eine Fortsetzung findet.

„Mit der Landung in der Normandie standen die Männer aus Camp Ritchie erst am Anfang ihrer Mission. Das gilt auch für Lieutenant Adam Ruby, der noch einen langen Weg vor sich hat.“

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