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Michael Köhlmeier: Spielplatz der Helden

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1983 brachen drei Südtiroler Bergsteiger zu einer außergewöhnlichen Expedition auf. Reinhold Minach, Leo Degaspari und Michael Gratt durchquerten erstmals zu Fuß und ohne Versorgung von außen das grönländische Inlandeis. In nur 88 Tagen legten sie 1.400 km zurück, jeder seinen Schlitten nach sich ziehend. Drei Jahre später möchte sie ein Radiojournalist zu ihrer Expedition befragen. Doch die Männer weigern sich detailliert über ihre Reise zu erzählen, Gratt lehnt ein Interview überhaupt ab. Seit jener Zeit pflegen die Bergsteiger keinen Kontakt mehr untereinander. Ein Schriftsteller, der die Radiosendung hört, aufnimmt und immer wieder abspielt, wird neugierig. Er bricht auf, die drei Männer zu besuchen und sie zu ihrer Geschichte zu befragen. Sein erstes Ziel ist Bozen, die Heimatstadt von Reinhold Minach, dem Kopf der Expedition.

Es wäre falsch zu sagen, in einer solchen Lage zeigt sich der wirkliche, der wahre Charakter eines Menschen. Das darf man nicht sagen. Man bleibt, wer man ist, solange man einer Situation gewachsen ist. Wenn die Welt über einem zusammenbricht, wir man ein anderer. Und das geht schnell.

Drei Charakterfiguren in einer Extremsituation

Alle Eventualitäten zu dieser Expedition werden durchdacht und berechnet. Man bereitet sich körperlich darauf vor, nutzt technische Raffinessen und gibt sich Mühe, auf alles bestens gerüstet zu sein. Aber was passiert, wenn der Mensch selbst zur größten Gefahr wird? Wenn gleich zu Beginn der Reise wie aus dem Nichts zwischenmenschliche Spannungen auftauchen und diese sich aufgrund der Belastungen durch Einsamkeit, Wetter, Stress und körperliche Anstrengungen potenzieren? Wenn die Psyche sich weigert, 1.400 Kilometer in Betrieb zu sein? Es beginnt mit Streitereien, die allmählich in Hass umschlagen. Degaspari richtet eineinhalb Monate kein einziges Wort an seine Begleiter. Der Streitschlichter, der in Gestalt von Michael Gratt beschrieben ist, versucht mit Lügen und Intrigen die verfahrene Situation unter Kontrolle zu halten, nur mit einer Absicht: zwischen Schnee, Kälte und ewigem Eis zu überleben.

Mit tausend Kilometer Eiswüste vor dir vergehen dir die Späße, da hockt dir dann einer im Hirn, der dauernd nur heult. Dem kannst du nicht einmal eine ins Maul hauen.

„Spielplatz der Helden“ ist eine Geschichte über unausgesprochene Worte – und das in zweierlei Hinsicht. Fast drei Monate lang schweigen sich drei Bergsteiger an, reden nur das Nötigste. Und auch später, als der Schriftsteller sie einzeln befragt, fällt es ihnen schwer, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Aber auch der Schriftsteller, der zugleich der Ich-Erzähler dieses Romans ist, ist kein Meister der Kommunikation. Er steckt inmitten einer Dreiecksbeziehung, von der er die Nase gestrichen voll hat. Er versucht immer wieder Grenzen zu setzen und klar Schiff zu machen, rettet sich jedoch mit belanglosen Monologen über Gott und die Welt über die Abende zu dritt.

Eine wahre Geschichte

Der Roman basiert auf einer wahren Geschichte: Im Jahre 1983 durchquerte der Südtiroler Extremsportler Robert Peroni  zusammen mit Pepi Schrott und Wolfgang Thomaseth das grönländische Inlandeis von Ost nach West auf einer Strecke von rund 1000 km Luftlinie. Sie brauchten dazu 82 Tage. Von dieser Expedition drang so gut wie nichts an die Öffentlichkeit.

Dass der Vorarlberger Literat Michael Köhlmeier es versteht, Geschichten spannend zu verpacken, beweisen seine zahlreichen Romane und Novellen. Auch hier greift Köhlmeier in seine Trickkiste, die er virtuos beherrscht. Er kombiniert eine Abenteuergeschichte mit einem Psychogramm, springt zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem und wechselt die Perspektiven. Der namenlose Ich-Erzähler, mit einer auffällig autobiografischen Neigung ausgestattet, ist zwar formal der Held der Geschichte, der Leser aber wird den drei Bergsteigern – der Autor lässt ihre Geschichten selbst erzählen – mehr Aufmerksamkeit schenken. Und so ändern sich fortlaufend Erzählton, Handlungs- und Zeitebene. Die Bilanz: „Man kann in Würde schweigen, aber ununterbrochen reden kann man mit Würde nicht.“

Rezension: NR. 319
28. Juni 2014

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