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Thomas Glavinic: Das größere Wunder

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Der Grund, warum Jonas, der weder ein Bergführer noch ein Extrem-Bergsteiger ist, bei einer Expedition zum Gipfel des Mount Everest teilnimmt, wird sich dem Leser erst im Laufe der Geschichte erschließen. Das erste Kapitel ist der Auftakt einer Abenteuergeschichte: Jonas kämpft im Basislager mit dem Klima, der dünnen Luft und der Eiseskälte. Bald wird er mit seinem Team den höchsten Berg der Welt besteigen und dabei mehr als einmal dem Tod begegnen.

Ich will der werden, der ich bin.

Jonas und sein behinderter Bruder Mike haben keinen schönen Start in ihr junges Leben. Ihre Mutter, eine Alkoholikerin, vernachlässigt die beiden immer mehr. Letztendlich werden die beiden von Picco, dem Großvater von Jonas‘ Freund Werner, adoptiert. Fortan leben Jonas, Mike und Werner in einem großen Haus mit einer Köchin, einem Hausmeister und einem Bodyguard. Das große Wunder „Kindheit“ beginnt.

Picco ist keine klassische Erziehungsautorität. Die Figur des alten, vorerst noch agilen, später krebskranken Mannes bleibt größtenteils im Dunkeln. Man ahnt, dass er sein Geld mit nicht ganz sauberen Geschäften verdient und das Wort „Mafia“ kommt einem in den Sinn, wenn Problemsituationen nach dem Prinzip „Auge um Auge“ gelöst werden. Doch kaum haben die drei die Pubertät überstanden, wendet sich das Blatt. Zuerst sterben Mike, dann Werner und zuletzt Picco. Von seinem Ziehvater erbt Jonas ein Vermögen, das so groß ist, dass Jonas mehr als ein Leben brauchen würde, um es auszugeben.

Nun kann sich Jonas nur jeden erdenklichen Wunsch erfüllen. Doch tiefe Trauer um den Verlust von Bruder, Freund und Ziehvater, lassen ihn vorerst in die Einsamkeit untertauchen. Danach lässt er sich ziel- und rastlos durch die Weltgeschichte treiben, sucht wieder die Einsamkeit, die Stille und bemerkt später, dass er nichts anderes tut, als seine Zeit totzuschlagen.

Jonas begibt sich – wie auch mit Werner in der Kindheit – in waghalsige Grenzsituationen, um durch sie so etwas wie einen Lebensinhalt zu spüren. In Jonas‘ Leben gibt es nur noch wenige Konstanten. Eine davon ist die Musikerin Marie, die im Laufe ihrer Beziehung zu der Liebe seines Lebens wird. Als sie ihn später verlässt, sucht er erneut eine selbstmörderische Mutprobe, die es zu bestehen gilt. Bei der Besteigung des Mount Everest versucht er, mit dem Schmerz fertig zu werden und in der Stille des Gebirges zu vergessen.

Loslassen. Über der Welt sein. Auf dem Wind reiten, fern von allem, was irdisch ist. Ungemütliche Orte besuchen, um zurückzukehren, zu den Betten und den Duschen, zur Bequemlichkeit, zum Schlaf.

Jonas ‚ Schilderungen über die Gegenwart und die Vergangenheit wechseln sich kapitelweise ab, bis sie sich gegen Ende des Buches zu einem Handlungsstrang verdichten. Aber es ist nicht allein diese Erzähltechnik, mit der die Spannung geschickt gehalten wird und den Leser zwingt, das Buch in den Händen zu behalten. Es ist nicht alles realistisch an Jonas‘ Geschichte und der Großteil der Leser wird sich schwer tun, sich mit dem Helden zu identifizieren. Aber vor allem ist „Das größere Wunder“ ein Roman über die Liebe, Freundschaft und das Leben. Und das ist genau das, was dieses Buch zu einem ganz besonderen Leseerlebnis macht.

Rezension: NR. 315
[ssba]
29. März 2014

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