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J. R. Moehringer: Tender Bar

Der kleine JR ist weit weg von einer behüteten Kindheit: Mit seiner Mutter lebt er bei den eigenwilligen Großeltern zusammen mit Tanten, Onkeln und deren Kindern in einer Bruchbude, das Geld ist knapp, seine Mutter reibt sich zwischen den Jobs und den Verwandten auf. Sein Vater – ein Radiomoderator – hat die Familie bald nach JRs Geburt verlassen – geblieben ist dem Kind nur die Stimme aus dem Radio. Auf der Suche nach einem Ersatzvater stösst JR auf das „Dickens“ und findet – in rauch- und alkoholgeschwängerten Atmosphäre – skurille Figuren, die ihn ab da durch sein Leben begleiten. Mit Selbstironie, viel Emotion und Tiefgang wird in „Tender Bar“ schlicht das Leben beschrieben – ein großartiges Buch mit Kultcharakter! „Tender Bar“ erzählt von JRs Kindheit und Jugend, von den tristen Verhältnissen einer armen, vaterlosen Familie und wie ein kleiner Junge trotzdem seinen Weg und seine Identität findet. Was JR am meisten abgeht, ist ein Vater. Er macht sich auf die Suche und findet gleich mehrere Ersatzväter in der lokalen Kneipe von Manhasset, New York, dem „Dickens“, das später in „Publicans“ umbenannt wird. Sein Onkel Charlie wird allen voran die wichtigste Bezugsperson bei der Suche nach der männlichen Identität.

„Sie brachten mir den richtigen Griff für einen Curveball bei, den richtigen Schwung für ein Neuner-Eisen, die richtige Drehung beim Footballwurf, die Tricks beim Seven-Card Stud-Poker. Sie brachten mir bei, wie man mit den Schultern zuckt, wie man die Stirn in Falten legt, wie man seinen Mann steht. Sie brachten mir Haltung bei und versicherten mir, das Auftreten eines Mannes sei seine Philosophie. Sie brachten mir bei, wie man das Wort „fuck“ benutzt, schenkten mir das Wort wie ein Taschenmesser oder ein gutes Kleidungsstück, wie etwas, das jeder Junge haben sollte, Sie zeigten mir die vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten von „fuck“: Man konnte damit Wut ablassen, Feinde verschrecken, Verbündete gewinnen und Leute zum Lachen bringen. Sie brachten mir bei, es überzeugend, heiser, ja sogar charmant auszusprechen, das Wort in seiner Fülle auszuschöpfen. Warum unterwürfig nachfragen, was los ist, sagten sie, wenn man verlangen konnten: „What the fuck?“ Sie zeigten mir die vielen verbalen Rezepte, in denen „fuck“ die wichtigste Zutat war. Ein Burger am Gilgo Beach schmeckt zum Beispiel doppelt zu gut, wenn es ein „Gilgo fucking Burger“ war.

Alles, was mir die Männer in jenem Sommer beibrachten, viel unter den lockeren Oberbegriff „Vertrauen“. Sie brachten mir bei, wie wichtig Vertrauen war. Mehr nicht. Aber das genügte. Es war, wie mir später klar wurde, alles, was zählte.“

Sogar als später JR und seine Mutter nach Arizona ziehen, verliert er nicht den Kontakt zu seinem Onkel „Chas“, dem Koch „Smelly“, dem Polizisten „Bob the Cop“, dem Vietam-Veteranen „Cager“ und „Fuckembabe“. Seine „Ersatzväter“ teilen Erfolge und Niederlagen mit JR – die erste unglückliche Liebe, das Versagen bei seinem Studium in Yale, sein erster Job bei der „Times“ – JR wird über die Feinheiten des Baseballs und des Wettens aufgeklärt und es wird über Literatur und Philosophie debattiert. Die Bar und seine Bewohner werden zur wichtigsten Drehscheibe seines Lebens, was ihm – gegen Ende des Buches – fast sein Lebensglück kostet.

Dem Autor J.R Moehringer, der in seinem Erstlingswerk „Tender Bar“ seine eigene Lebensgeschichte verpackt hat, ist ein mitreissendes und berührendes Buch gelungen, das sich dem ernsten Thema des Erwachsenwerdens in deprimierenden Verhältnissen ohne Lamentieren und Pessimismus widmet. Das Buch ist lebendig und mit wechselndem Erzähltempo geschrieben, die Charaktere sind fein skizziert, die Pointen gut gesetzt. Es passt einfach alles für ein großartiges Buch.

Website „Tender Bar“

Hörprobe

Rezension: NR. 71
27. Oktober 2007

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