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Paulo Coelho: Veronika beschließt zu sterben

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Für einen Selbstmörder gibt es wohl nichts Schaleres, als nach einem Suizidversuch im Krankenhaus aufzuwachen. Veronika versucht mit Schlaftabletten sich das Leben zu nehmen und ist ziemlich frustriert, als sie sich nicht – wie geplant – im Himmel sondern in einer Irrenanstalt wiederfindet. Am Siuizid ist Veronika zwar gescheitert, sterben wird sie aber trotzdem. Denn vom Selbstmordversuch hat sie einen irreparablen Herzschaden erlitten und ihr bleibt noch eine Woche. Veronika ist 24 Jahre, lebt ihn Ljubljana, hat liebevolle Eltern, eine gute Ausbildung, einen sicheren Job, ein Zimmer in einem Kloster, Männerbekanntschaften – und trotzdem ist sie todunglücklich. Da sie sich sicher ist, wie ihr Leben in Zukunft ablaufen wird, beschließt sie diesem ein Ende zu setzen, denn wozu Energie in etwas stecken, das ohnehin nicht viel Sinn macht und nur frustriert. Deshalb beschließt Veronika zu sterben.

„Veronika hatte fast sechs Monate gebraucht, um sich die Tabletten zu besorgen. Sie hatte schon geglaubt, es nie zu schaffen, schon überlegt, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Doch auch wenn dies ein blutiges Zimmer bedeutet und die Nonnen verwirrt und bekümmert hätte, verlangt ein Selbstmord, daß man zuerst an sich und dann erst and die anderen denkt. Wenn irgend möglich sollte ihr Tod unspektakulär ausfallen, doch wenn es sich nicht umgehen ließ, würde, sie sich eben die Pulsadern aufschneiden – und die Nonnen müssten dann halt das Zimmer säubern und dann schnellstens das Ganze vergessen. Sonst würde es schwierig werden, das Zimmer wieder zu vermieten; Jahrtausendwende hin oder her – die Leute glaubten immer noch an Gespenster.

Natürlich könnte sie sich auch von einem der wenigen hohen Häuser Ljubljanas stürzen. Doch würde das ihren Eltern nicht noch zusätzliches Leid bescheren? Zu dem Schock über den Tod der Tochter käme noch die Zumutung, die verstümmelte Leiche identifizieren zu müssen: Nein, das war noch schlimmer, als zu verbluten, denn es würde zwei Menschen, die doch nur das Beste für sie wollten, völlig zerstören.

Daran, daß ihre Tochter tot war, würden sie sich am Ende gewöhnen. Doch über einen zertrümmerten Schädel würden sie nicht hinwegkommen.

Sich erschießen, sich von einem Hochhaus stürzen, sich erhängen, das alles paßte nicht zu ihrer weiblichen Natur. Wenn Frauen sich umbringen, greifen sie zu romantischeren Mitteln, wie sich die Pulsadern durchschneiden oder eine Überdosis Schlafmittel nehmen. Verlassene Prinzessinnen und Hollywoodstars haben es ihnen vorgemacht.“

Doch Veronika stirbt nicht an der Überdosis Schlaftabletten, sie verliert das Bewusstsein und wacht im berühmt-berüchtigten Irrenhaus „Villete“ auf. Dort offenbart der Anstaltsleiter Dr. Igor (dieser Name ist wohl mittlerweile ein Synonym für das verrückte Verrückte), dass sie aufgrund der Überdosis an einem Herzschaden leidet und innerhalb einer Woche sterben wird. Nun sieht sich Veronika etwas beruhigt, ihr Ziel kann nun doch erreicht werden. Nun gilt es, die Zeit bis dahin tot zu schlagen und Veronika macht Bekanntschaft mit den Insassen der Anstalt und hat Gelegenheit gründlich über ihr bisheriges Leben nachzudenken.

Paulo Coelho greift mit dieser Erzählung sehr ernste Themen rund um den Sinn des Lebens, dem Verzweifeln und Scheitern am Leben auf. Trotzdem ist die Geschichte leicht und fast schon witzig geschrieben. Ich denke, das ist auch die Intention des Autors: kein deprimierendes Buch über den Tod sondern ein optimistisches über das Leben. Die Quintessenz: Es ist notwendig, (etwas) verrückt zu sein, um normal leben zu können. Neugier, Spontanität, Lust und Leidenschaften sollten mehr Platz im Leben haben, denn sie sind das Salz für unser Dasein.

Obwohl ich davon überzeugt bin, dass es tiefere Beweggründe für Selbstmord geben muss als diese, die Veronika hat, überzeugt Coelho mit „Veronika beschließt zu sterben“ mit seinen philosophischen Gedanken über das Verrücktsein und über die von der Gesellschaft auferlegten – oft sinnlosen – Normen, die das Leben nur unnötig schwer machen. Hätte er das leider bereits zu Beginn absehbare Ende besser verpackt, und hätte Coelho sich nicht selbst auf eine fade Art gleich am Anfang in die Geschichte eingebracht, wären ihm alle Ratten sicher gewesen.

Rezension: NR. 85
[ssba]
17. Februar 2008

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